Sylvain Saudan – Interview mit einer Legende

Info:
Geboren: 23. September 1936, Westschweiz
Lebt in: Chamonix, Frankreich

Das Interview ist weitgehend ungekürzt – ein Werkstatteinblick. Es soll keine „Heldenverehrung“ darstellen, die Kontroversen rund um Sylvain Saudans Karriere bespreche ich in einem folgenden Beitrag. Dies hier ist ein Interview, die Ansichten und Meinungen sind also die von Sylvain Saudan selbst.


Erstbefahrungen:


Sylvain Saudan ©Knut Pohl
Sylvain Saudan ©Knut Pohl

Zum Interview sind Hartmut Pohl und ich auf einer kleinen Rundreise – während der wir noch weitere Steilwandfahrer besuchen. Die Nacht vor dem Interview haben wir erst biwakiert und sind bei beginnendem Regen doch ins Auto umgezogen. Der Tag selbst wird wunderschön – keine Wolke am Himmel. Es ist warm, ein Sommertag.

Sylvain Saudan empfängt uns in seinem Büro in Les Houches, einem kleinen Ort nahe Chamonix. Das Büro ist direkt neben der Polizeistation und besteht aus einem kleinen L-förmigen Zimmer mit großer Glasfront. Es stehen alte Ski in den Ecken, Bücherregale stecken voller Aktenordner, eine Kommode ist überbordend mit Krimskrams belegt. Papier- und Magazinstapel stehen hier und da an den Wänden. Großformatige Bergfotografien bestimmen die Szene. Es wirkt weder unordentlich noch steril – hier geht offensichtlich jemand seiner Arbeit nach und genießt dabei die Aussicht über den Dorfplatz.

Saudan ist zum Zeitpunkt (2013) des Interviews 74 Jahre alt, braun gebrannt, rüstig und macht einen freundlichen Eindruck. Ich darf mich auf einen Stuhl setzen, Knut schießt Fotos. Sylvain setzt sich mir gegenüber auf die Ecke eines typischen Büroschreibtischs aus den 80ern. Er hat wache, faszinierende Augen. Rund um die Iris sind sie ganz hell, als würde sie in Flammen stehen. Er steckt voller Energie und ist aufmerksam.

Von Beginn an führt er das Gespräch – was mich überrascht da die Skialpinisten, die ich bislang erlebt habe, eher wortkarg sind. Sylvain aber hält einen Vortrag über das Abenteuer Steilwandskifahren. Natürlich mit ihm selbst als Hauptprotagonisten. Er ist sich seiner prominenten Stellung bewusst. Seinem Auftreten wohnt eine natürliche Lockerheit inne, die außerordentlich angenehm und sympathisch wirkt. Ein Gentleman mit Charme.

Eine sympathische Freundlichkeit umgibt ihn wie eine Aura. Es herrscht zwar eine gewisse Distanz, doch durch seine Art wirkt er nie unnahbar. Er erzählt mir vor dem Interview von seinem aktuellen Berufsleben, in dem er Vortrage bei Firmen hält, sowie ein Heliskiunternehmen im Himalaya leitet. Einige Zeit sprechen wir allgemein über das Steilwandskifahren und wie es dazu kam, woher die Idee kam und wie sich diese Vorgänge auf seine Karriere ausgewirkt haben. Immer wieder merkt man, dass Saudan zur Kamera schielt und sich bewusst in Pose wirft. Im Verlauf des Gesprächs wird er immer nahbarer, letztlich sehen wir seine Büchersammlung durch und er zeigt mir stolz Fotos von sich als Steilwandskifahrer.

Es ist offensichtlich, dass er sich in der Rolle als Protagonist dieser Sportart wohl fühlt. Allüren oder gar Arroganz kann man bei ihm dabei nicht entdecken. Allerdings ist vom ersten Moment an klar, dass es hier um ihn geht. Um einen der prägenden Charaktere des Steilwandskifahrens.

Vor dem Interview habe ich das Buch von Paul Dryfus
Extremes auf Skiern über ihn gelesen. Saudan kommt aus ärmlichen Verhältnissen, aufgewachsen im französischsprachigen Wallis. Mit dem Skifahren begann er schon früh, er fuhr Skirennen, trainierte Jugendskimannschaften. Beruflich schlug er sich zunächst als LKW Fahrer durch und machte schließlich die Prüfung zum Skilehrer. Als solcher arbeitete er 12 Monate im Jahr rund um den Globus. Während eines Aufenthalts in Graubünden fuhr er erstmals aus eigenem Antrieb im April 1967 steile Rinnen am Rothorn im Skigebiet von Arosa. Kurz darauf die Nordflanke des Piz Corvatsch in Sankt Moritz. Zurück im Wallis machte er, wie schon öfters zuvor, einen Ausflug mit Freunden nach Chamonix – dabei kam es zur Idee das Spencer Couloir an der Aiguille de Blaitière zu befahren. Hier beginnt das Interview mit seiner Ausführung dazu, woher er die Idee hatte solch eine Route, die zuvor nur Alpinisten vorbehalten war, mit Skiern abzufahren.

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B: Wie war das in den 60ern als Sylvain Saudan das „Unmögliche“ tat? Woher kam die Idee?

S: Es verhielt sich folgendermaßen: Ich habe nie mit jemandem darüber diskutiert, ob eine Abfahrt möglich sei oder nicht. Ich wusste ob eine Abfahrt bereits gemacht worden war oder nicht, und ich musste niemanden befragen was er von dem Vorhaben hielt. Denn sofern dieser jemand es für möglich gehalten hätte, dann hätte es bereits jemand anderes gemacht. Das ist logisch, es gab schon immer ambitionierte Männer. Da ich aber wusste, dass es noch nie gemacht worden war, musste ich niemanden fragen ob es möglich wäre. Die Abfahrt durch das Spencer 1967 war die erste Abfahrt in einem Gelände das zuvor ausschließlich den Alpinisten gehörte. Es gab im Inneren der Bergsteigerkreisen aus Genf durchaus die Diskussionen und das Wissen wie man etwas wie das Spencer abfahren könnte. Lionel Terray, Lachenal, Rébuffat, die ganzen Großen waren sich der Sache bewusst. Innerhalb des Alpinclubs wurden sogar 5.000 Schweizer Franken ausgelobt an denjenigen, der das Couloir mit Ski befährt. Terray und Lachenal sind sogar aufgestiegen und beschlossen bei etwa der Hälfte das Unternehmen abzubrechen. Mein Equipment war besser als ihres, insbesondere die Schuhe, und sie merkten damals, dass es mit ihrem Material in den 50ern nicht möglich war. Sie waren die besten Alpinisten ihrer Zeit und auch sehr gute Skifahrer – Sie dachten darüber nach so etwas zu machen. Aber sie konnten es nie verwirklichen!

Selbst habe ich von diesen Vorhaben Terrays und Lachenals erst im Nachhinein erfahren. In Chamonix gab es damals das „Hotel de Paris“. Das war neben der Post, es ist heute kein Hotel mehr. Dort stiegen die ganzen großen Skifahrer, Abenteurer, Alpinisten der Epoche ab und es gab eine Art Wettbewerb um die Erstbesteigungen. Bonatti, usw. war auch dort. Der Besitzer der Bar des Hotels erzählte mir von dem Vorhaben der beiden einen Tag nachdem ich abgefahren war. Wir fragten auch Jean Juge aus Genf, der die Bergsteiger aus Genf bestens kannte, und er konnte die Geschichte bestätigen.

Ich selbst habe nie darüber gesprochen wenn ich irgendwo hinunter fahren wollte. Außer meinen Freunden die mir geholfen haben die Ski hinaufzutragen, habe ich niemandem etwas erzählt. Nach der Abfahrt dann natürlich schon! Um Sponsoren und die Presse zu informieren.

Vor einer Abfahrt war ich mir sicher, dass ich es schaffen würde. Nie bin ich irgendwo hinunter gefahren wenn ich mir nicht sicher war! Auf Russisches Roulett war ich nicht scharf.

Diese Sicherheit ist sehr schwer zu beschreiben: es gibt etwas das in einem schlummert, ein Wissen darum wer man ist. Man kann das nicht an einer Universität lernen, aber man spürt es. Und zum zweiten ist es schwer die Risiken eines Unterfangens einzuschätzen wenn man sich selbst diesen Risiken aussetzt. Man muss die Schwierigkeiten abschätzen können ohne in der eigenen Haut zu stecken. Um sich selbst einzuschätzen muss man in die Haut eines anderen schlüpfen und sich zugleich sehr gut kennen. Wenn man das schafft kennt man das Resultat seines Vorhabens im Voraus. Es gibt da kein „Klick“ im Kopf, man muss das bewusst herbeiführen.

Meine Abfahrten hatten eine Progression in sich, ich habe mit dem Spencer begonnen und mit einem 8.000er abgeschlossen, inklusive Zwischenstationen bei 6.000ern und 7.000ern. Wie die großen Alpinisten. Messner beispielsweise hat sich auch gesteigert, bis hin zu der Besteigung der 8.000er ohne zusätzlichen Sauerstoff. Als die Normalwege alle abgegrast waren haben sich die Alpinisten schwierigeren Routen zugewandt, haben sich also einer Progression zugewandt.

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B: Gibt es denn heute im Steilwandskifahren noch eine Steigerung?

S: Nein, ich sehe keine mehr. Die ganzen schweren Abfahrten wurden schon durchgeführt, also die ohne Seil jedenfalls. Mit Seil könnte man wohl noch den „Grand Cappuzin“, die Eiger Nordwand, die Nordwand der Grandes Jorasses abfahren. Man könnte sich abseilen, dann wieder ein paar Meter mit Ski fahren, dann wieder abseilen. Also ich übertreibe da jetzt sehr, aber das ist nun mal heute noch übrig. Aber womöglich tue ich dem Fortschritt da auch unrecht, man weiß es ja nicht was noch mit Ski möglich sein wird! Aber in den Alpen wird es wohl keine Steigerung mehr geben.

Das ist wie im Alpinismus, auch da findet die Steigerung im Himalaya statt.

Sylvain Saudan Himalaya

B: Heute gibt es ja auch breitere Ski die sich leichter drehen lassen, mit denen man auch schnell durch große Hänge fahren kann.

S: Ja schon, aber das Gervasutti ist noch niemand so schnell und flüssig abgefahren. Meine Abfahrten hat niemand in diesem modernen Stil wiederholen können, weder das Whymper noch das Spencer. Und ich persönlich möchte mit breiten Ski nicht in einem steilen Hang von 55° stehen. Schmalere Ski sind da viel stabiler und angenehmer. Das habe ich inzwischen ausprobiert. Auch die Skischuhe sind eine Spezialanfertigung, die an den Außenseiten abgeflacht ist damit man die steilen Hänge nicht berührt. Andernfalls wäre mir die Kante abgerutscht.

Sylvain Saudan Mc Kinley Denali

B: Die Ära Saudan hat etwa 15 Jahre gedauert und war mit dem 8000er abgeschlossen?

S: Spencer, Eiger 69`, das hat die Presse interessiert und damals gab es in Frankreich eine Nachrichtensendung in den Kinos und meine Abfahrt lief überall. Sonderlich jung war ich damals auch schon nicht mehr und als man mich fragte, ob ich nun mit dem Steilwandskifahren aufhören würde sagte ich, dass mein Ziel ist, einen 8.000er mit Skiern abzufahren.

Das war für mich ein Markstein, das war Gelände das nur den Alpinisten gehörte und wenn ich das schaffen würde wäre mir alles möglich.

Innerhalb von 15 Jahren habe ich diese Evolution realisiert.

Gasherbrum 1 ski descent - Baltoro glacier

B: Worin lag die Motivation dazu?

S: Nun, das ist schwer zu beantworten. Nach der Befahrung des Eiger lag meine Motivation ganz klar darin eine Progression, eine Evolution, zu schaffen. Zudem wollte ich mein eigenes Limit weiter hinaus schieben. Ich wollte nicht das gleiche wo anders machen, ich wollte immer etwas noch schwierigeres machen. In den Alpen kann man sich abends ausruhen, man isst gut, legt sich zu Ruhe und am nächsten Morgen geht es los. Am Mount McKinley mussten wir erst mal 23 Tage Marsch zum Berg auf uns nehmen. Da schläft man in Zelten etc.. Wenn man dann zu den 8000dern geht sieht es wieder anders aus. Und wenn man dabei auch noch einen Film über die Aktion machen möchte kommt die Logistik hinzu. Wir brauchten damals 340 Träger. Das kostet Geld und man hat einen höheren Erfolgsdruck. Nicht von den Sponsoren, man macht ihn sich selbst. Und wenn man dann auf 8.000 Metern ankommt ist das nicht so wie hier auf einem Berg. Man kommt an und soll dann auf einer anderen Seite hinunter fahren. Da wo es noch keine Spuren gibt! Die Bedingungen sind ganz andere. Das ist nicht mit den Alpen vergleichbar. Deshalb spreche ich von einer Evolution und wenn das jemand nachmacht ziehe ich meinen Hut vor der Leistung. Am McKinley waren damals zwei Alpinisten im Abstieg unterwegs die man nie wieder gefunden hat. So etwas passiert in den Alpen nicht.

Das Abenteuer ist für mich, wenn man sich an einen abgelegenen Ort begibt und dort etwas herausforderndes leistet das noch niemand zuvor geschafft hat.

Wenn es zuvor schon jemand geschafft hat, dann hat man ein Abenteuer für sich selbst geschafft, aber es ist kein Abenteuer mehr im eigentlich Sinne.

Deshalb stehe ich in dem Buch der 50 größten Abenteurer der letzten 200 Jahre. Ich habe etwas gemacht das vorher niemand gewagt hat. Natürlich habe ich diese Unternehmungen in erster Linie für mich selbst gewagt, für andere habe ich mich als Skilehrer oder Bergführer eingesetzt. Das Abenteuer aber war für mich allein, es hat mich persönlich weiter gebracht.

Das ist der Kern von Abenteuer, der Zweite, Dritte oder Vierte haben natürlich für sich selbst auch ein Abenteuer durchstanden, aber ihre Leistung lässt sich höchstens noch in Form von Bestzeiten vergleichen.

Die Ersten, die etwas gewagt haben, die sind die echten Abenteurer, egal wie schnell oder elegant etwas von jemand anderem wiederholt wird. Es zählt der Erste. Aber: Es ist nicht immer gut der Erste zu sein. Hier sind wir in Chamonix, im Herzen der Berge. Für einen Bergführer ist es sein Beruf mit Klienten durch das Spencer Couloir zu steigen. Das kostete damals, als ich es erstbefahren habe, 800 Francs (Anm.: umgerechnet wären das heute 120,- Euro). Dann kommt jemand der diese Tour mit Skiern hinab fährt. Damit steigt natürlich der Wert der Abfahrt aber es reduziert  zugleich massiv den Preis des Aufstiegs. Dann war man zwar der Erste der etwas geschafft hatte, aber alle sagen, dass dies nichts bringt und zugleich eine zuvor gute Einkommensquelle verringert. Diese Argumentation war damals gang und gäbe. Man sagte ich sei ein Verrückter, man versuchte den Wert des Aufstiegs trotz meiner Erstbefahrung aufrecht zu erhalten indem meine Leistung verringert wurde. Deshalb war es nicht immer gut der Erstbefahrer zu sein, man bekam Anschuldigungen das Geschäft kaputt zu machen. Dem Zweiten wird man dies nie vorwerfen.

Ich bin aus dem Aktionsraum der Skifahrer ausgebrochen und habe etwas gemacht das eine neue Bewertung des Alpinismus erforderlich machte.

Die Haltung gegenüber der sportlichen Leistungen musste verändert werden. Von Außen wurde nun das Niveau der Bergprofis, der Bergführer und Skilehrer, neu bewertet, worüber diese Profis natürlich nicht sonderlich erfreut waren. Solange bis sie sich auf die neue Situation eingestellt hatten.

12201-01 Silvain Saudan 1968

B: Welche Antwort auf die Anschuldigungen kam vom damaligen Sylvain Saudan?

S: Ich habe nie eine Antwort gegeben. Das hätte niemandem etwas gebracht und insbesondere hätte es meine Zeit beansprucht, um mich zu rechtfertigen. Es ist in solchen Dingen nicht mein Problem wie andere auf meine Handlungen reagieren. Punkt. Natürlich haben einige behauptet ich hätte einfach Glück gehabt, aber die habe ich durch die konsequente Verbesserung meiner Abfahrten widerlegt.

Man warf mir vor Lebensmüde zu sein, unverantwortlich zu handeln – und ich habe meine Leistungen noch übertroffen!

Sylvain Saudan Filmplakat Salomon

B: Und wie konnte man damit Geld verdienen?

S: Nun, da hatte ich wohl Glück, dass man im Alpinclub von Genf gemerkt hat, dass da etwas passiert, am Limit des Skifahrens, dass da jemand neue Wege geht. So konnte ich mit Sponsoren meinen ersten Film drehen. Über die Aiguille de Bionnassay. Der war zwar noch nicht sonderlich professionell aber immerhin, er wurde recht gut angenommen und oft gezeigt. Und von da an hatte ich gute Sponsoren, bis vor fünf Jahren etwa, also weit über 25 Jahre lang. Mit meinen ehemaligen Sponsoren habe ich immer noch ein gutes Verhältnis, auch weil ich natürlich noch Vorträge halte, über meine Filme, mein Equipment das ich dann zeige und so weiter. Es ist nicht leicht über einen langen Zeitraum im Gespräch zu bleiben, das klappt nur wenn man die besten Leute um sich schart, um das bestmögliche Produkt zu produzieren. In meinem Fall waren das Filme. Es ist eben wichtig für die Sponsoren, dass man viele Menschen über einen längeren Zeitraum erreicht. So war es auch als beispielsweise die Expedition im Himalaya große Probleme hatte. Sie scheiterte, hatte aber damals ganze 300.000 Dollar gekostet. Das war natürlich nicht das Bild das man sich gewünscht hatte. Aber so etwas ist halt auch Teil des Spiels, das muss man akzeptieren. Und es ging ja auch weiter bis es geklappt hat. Um den Film über die nächste Expedition zu drehen brauchte ich 500.000 Dollar und davon haben Sponsoren die Hälfte übernommen. Die andere Hälfte musste ich selbst auftreiben.

Ein großes Risiko, vielleicht größer als die Abfahrt selbst.

Salomon gab mir 250.000 Dollar! Sie sagten, dass der Kerl es jetzt allen beweisen müsse, dass er es unbedingt will. Und sie waren davon überzeugt, dass ich es diesmal schaffe. Das war also eine sehr harmonische Kooperation, sie glaubten an mich und ich konnte somit tun was ich tun musste.

Heute ist es sicher viel schwieriger geworden solch große Aktionen durchführen zu können. Das liegt meiner Ansicht nach sicher zum einen am Internet. Die Welt wird kleiner und jeder kann jederzeit überall auf der Welt sein. Das Geheimnisvolle, das Mythische geht verloren. Zum anderen ist der Wert eines Filmes über solche Abenteuer kleiner geworden, sie sind schnell konsumiert und werden dann vergessen. Damals konnte ich mit meinen Filmen nicht nur ein paar Bilder verkaufen. Ich habe einen Lebensstil verkörpert und auch das ist heute kaum noch möglich. Durch Handys und Satellitentelefonen ist man ständig in Kontakt mit der Zivilisation. Man kann Hilfsaktionen organisieren, kann Auskunft über seinen Standort geben. All das nimmt natürlich sehr viel vom echten Abenteuer fort. Es bleiben daher heute kaum noch echte Abenteuer. Zu meiner Zeit waren wir auf uns gestellt. Tagelang, ohne Nahrung, mit erfrorenen Zehen und Fingern, ohne Möglichkeit mit irgendjemandem Kontakt aufzunehmen. Es gehört aber mit zu einem echten Abenteuer, dass man eben keinen „Rückzugplan“ hat der immer da ist. Keine Notfallhängematte sondern echte Gefahr. Das war damals noch ganz anders. Auch auf den Weltmeeren, da konnte man nicht einfach mal telefonieren und um Hilfe rufen. Die Öffentlichkeit hat sich auch verändert. Würde heute jemand nackt mit einem Gleitschirm vom Everest ins Basecamp fliegen und er hätte nur Sandalen an, dann würde man ihn heute fragen: „warum hast Du denn Sandalen an?“. Diese Frage wäre Journalisten früher gar nicht in den Sinn gekommen. Heutzutage ist man an alles mögliche schon gewohnt.

Früher hatten wir noch Freiraum, wir konnten los ziehen und es gab viele Abenteuer. Diejenigen, die heute noch etwas derartiges leisten wollen haben es sehr viel schwerer als wir damals.

Außer im Himalaya und derart abgelegenen Orten gibt es so gut wie keine Möglichkeiten mehr echte Abenteuer zu erleben. Die großen Abenteuer sind aber schon passiert, das ist vorbei! Außer im technischen Bereich, beispielsweise wenn jemand mit einem Minihelikopter über den Atlantik fliegt, um zu sehen ob das überhaupt möglich ist. Das ist noch ein echtes Abenteuer. Und es bleibt natürlich der Weltraum, aber das ist ja auch sehr technisch behaftet. Überall wo einem niemand sagen kann wie es gemacht wird, da gibt es auch heute noch Abenteuer. Aber der Raum wird immer kleiner. Abenteuer bedeutet dorthin zu gehen wo noch niemand war, wo es keinen Weg gibt, wo noch niemand bewiesen hat, dass es geht. Das war bei meinen Befahrungen immer so, es hatte noch niemand gemacht. Insbesondere auf dem McKinley und im Himalaya.

Die Ski rutschen dort genauso schnell wie hier. Aber die Muskeln, alle Sinneseindrücke und die Gedanken sind viel langsamer. Das weiß man vorher nicht, jemand muss es gemacht und durchlebt haben.

Aber persönliche Abenteuer wird es dagegen immer geben. Jemand, der 50 Jahre lang in seinem Dorf gelebt hat und dann zum ersten mal in ein Flugzeug steigt, der durchlebt auch ein Abenteuer, aber eines das schon sehr viele Menschen vor ihm hatten.

Würde ich heute geboren verliefe mein Leben vermutlich ganz anders. Ich hatte Glück zur richtigen Zeit am Richtigen Ort zu sein, um meinem Talent zu folgen und meine Ziele zu verwirklichen. Ich beneide die Jugend von heute nicht, ich wüsste bei dem modernen Leben nicht was ich machen würde. Vielleicht ergäbe sich etwas, aber ich weiß es nicht.

Sylvain Saudan Hidden-Peak

B: Das heutige Steilwandskifahren ist recht technisch geworden. Abseilen gehört häufig dazu. Was hältst Du davon?

S: Da bin ich total dagegen. Das nimmt viel weg.

Wenn man ein Seil hat, oder einen Fallschirm, dann wird alles viel einfacher. Mit diesen Hilfsmitteln kann es ja jeder.

Man weiß ja, wenn man fällt riskiert man nichts. An Stellen die technisch und psychologisch schwieriger sind lässt man einfach ein Seil hinunter und schon kann jeder solche Stellen befahren. Zumindest jeder der sich abseilen kann. Damit kann man sich jede felsige Wand hinunterseilen, am sogenannten Limit. Schon wenn man einen Rucksack mit Seil darin dabei hat ändert sich das Spiel da man weiß, dass man sich retten könnte. Ich bin meine Abfahrten immer ohne Rucksack und ohne Seil gefahren, nur mit Ski. Und das ist etwas ganz anderes!

Die Gefahr wird viel bewusster, der Druck steigt enorm, viel mehr Abenteuer. Deshalb sage ich, dass eine Abfahrt mit Seil nicht den gleichen Wert hat, nicht die gleiche Qualität.

Sylvain Saudan ©Knut Pohl
Sylvain Saudan ©Knut Pohl

B: Wie ist das dann in Abfahrten die ohne ein Abseilen nicht möglich wären?

S: Wenn es ohne nicht geht, dann geht es nicht als Skiabfahrt. Vielleicht kommt eines Tages einer der es nur mit Ski schafft. Hätte man 48 Stunden vor meiner Abfahrt durch das Couloir Spencer gefragt ob es möglich ist, wäre die Antwort immer gewesen, dass es nicht geht, dass aber vielleicht eines Tages jemand kommt der es schafft. Das gleiche gilt heute.

Sylvain Sausan ©Knut Pohl
Sylvain Sausan ©Knut Pohl

B: Die Abfahrtsmöglichkeiten nur mit Ski sind somit wenige, sie sind limitiert.

S: Alles ist limitiert! Neue Gipfelerstbesteigungen gibt es auch nicht mehr viele! Es gibt ja auch keinen 8.000er mehr den man als Erster besteigen könnte. Im Himalaya gibt es aber noch zahllose Abfahrten die mit Ski erstbefahren werden können. Warum gehen die potentiellen Erstbefahrer nicht öfter in den Himalaya und bringen Beweise ihrer Abfahrten mit? Ich bin mit einem Film von meiner 8.000er Befahrung zurück gekommen!

Wie Alpinisten einen Beweis ihres Aufstiegs mitbringen müssen Skifahrer einen Beweis ihrer Abfahrt zeigen.

Steilwandskifahren ist ja quasi umgekehrter Alpinismus, der Weg hinunter zählt. Ich bin der erste der echte Beweise akzeptiert! Es gibt ja leider viele Beispiele von Lügnern, die sich selbst mit einer Skispur im Hintergrund von einem Berg hinunter fotografieren, da gibt es viele. Das lässt sich aber auch ganz einfach manipulieren.

Sylvain Sausan ©Knut Pohl
Sylvain Sausan ©Knut Pohl

B: Warum gehen Menschen solche Risiken ein?

S: Das ist schwer zu beantworten. Ich denke grundsätzlich, dass jeder Mensch tut wofür er gemacht ist. Das stimmt leider nicht überall, viele Menschen müssen unter Zwang leben und sind eben nicht frei zu tun wofür sie gemacht sind. Aber diejenigen, die das Glück haben frei aufzuwachsen und frühzeitig ihre Bestimmung zu finden, wobei das bei mir nicht wirklich früh war da ich schon über 30 war als ich mit dem extremen Skilauf begann, die können sich so verwirklichen und gehen dafür Risiken ein.

Was ich sagen will ist, dass es Menschen gibt, die sind für das Abenteuer geboren, erkennen es und führen es dann auch durch.

Sie leben diese Einstellung bis an ihr Ende. So fühle ich mich jedenfalls.

Dagegen lehne ich ein Leben ab das „koste es was es wolle“ am Limit sein soll. Das Ziel des Lebens ist meiner Ansicht nach ja eben lange und ausdauernd das Leben seiner Vorstellung zu leben, es nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Das heißt nicht, dass man nicht auch mal alles in die Wagschale werfen darf, aber es muss bedacht und intelligent sein, um das Maximum aus sich zu machen. Heute bin ich der Bankier meiner physischen Möglichkeiten die im Alter leider abnehmen, aber so muss jeder haushalten, sollte nicht immer alles nur auf eine Karte setzen, nicht alle seine Reserven aufbrauchen. Zu jeder Zeit wenn ich an meinem Limit ankam merkte ich, dass es noch eine kleine Reserve gab. Am Limit habe ich dann noch ein kleines Stückchen weiter gesehen und die Reserve weiter nach oben geschoben. Physisch und technisch – beides gehört zusammen.

Alle glauben immer, dass Höchstleistung nur von maximalem Trainingserfolg abhängt, aber das stimmt nicht – man braucht die richtige mentale Einstellung, um die Leistung abrufen zu können. Und das ist nicht nur beim Steilwandskifahren so, das trifft auf alle Lebensbereiche zu.

Sylvain Sausan ©Knut Pohl
Sylvain Sausan ©Knut Pohl

B: Wie hast Du diese mentale Einstellung gefunden?

S: Mit zehn Jahren hütete ich die Kühe und Schafe auf der Alm meines Vaters. In einer löchrigen Hütte musste ich übernachten, mit unserem Hund. Das ging 40 Tage so, ab und an kam mein Vater, um nach dem Rechten zu sehen. Es gab dort ein hohes Plateau auf dem ich und die Tiere waren, zweihundert Meter weiter unten war die Quelle. Der Weg dorthin war steil und durchaus gefährlich. Ich musste jeden Tag hinunter laufen, um das Wasser für das Vieh zu holen. Für einen Zehnjährigen war das harte Arbeit. Also nahm ich die Tiere, die sich am sichersten bewegen konnten, mit hinunter, um sie zu tränken. Anschließend ging ich mit ihnen wieder hinauf. Etwa die Hälfte der Herde kam so zum Wasser, die andere Wasserhälfte musste ich weiterhin hinauftragen, aber es war deutlich weniger Arbeit. Mein Vater hatte jedoch immer gesagt, dass ich dies nicht tun dürfe, um die wertvollen Tiere nicht zu gefährden. Ich habe es ihm aber nicht gesagt und die Fußspuren verwischt. Er hat es natürlich trotzdem gemerkt. Er stellte mich zur Rede: „Sylvain, ich hatte dir verboten die Tiere zur Quelle zu führen.“ Ich entgegnete ihm, dass ich die Geeigneten, die mit der größten Trittsicherheit, ausgewählt hätte. Ab da durfte ich mit diesen weiterhin zur Quelle absteigen. Mein Vater hatte meine besonnene Wahl akzeptiert und vertraute mir.

Damals wuchs der Abenteurer in mir, ich wagte die Dinge die ich machen wollte, nachdem ich darüber nachgedacht hatte.

Sylvain Saudan – der Erste

Viele dachten Anfangs der 1960er Jahre vermutlich, dass es sich bei besonders steilen Skiabfahrten lediglich um Stunts gehandelt haben kann oder viel Glück seine Finger im Spiel hatte.

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Aus: Alpinismus 1964/11

Dies änderte sich in den 60er Jahren. 1961 fuhren Gerhard Winter und Herbert Zakarias mit sogenannten  Firngleitern durch die berühmte Pallavicini-Rinne am Großglockner. Mit äußerst kurzen Skiern also, nur etwa einen halben Meter lang, bei denen man das Heck mit der Ferse hart in den Schnee drückt, um zu bremsen und Kurven zu fahren. Firngleiter sind keine Ski und daher kann diese Befahrung, trotz ihrer Großartigkeit, nicht als Skibefahrung gelten. Zu Recht ist die Leistung der beiden  öffentlich bekannt.

Pallavicini Rinne – sie liegt in der Bildmitte und führt in die Scharte zwischen Klein- und Großglockner
Aus: Alpinismus 1968/11 – Winter und Berghold
Aus: Alpinismus 1968/11 – Winter und Berghold

Fast in Vergessenheit geraten sind dagegen die Abfahrten von André Giraud und Paul Clément. Schon im Mai 1965 fuhren sie das Davin Couloir im Tal von Guisane. 1700 Höhenmeter und im oberen Teil bis zu 50° steil. Im folgenden Frühjahr waren sie wieder aktiv, das Barre Noir Couloir im Massiv des Écrins war an der Reihe. Doch auch dieses Mal: Wieder kein breites Medienecho.

Couloir Davin
Barre Noir Couloir

Dann kam der Knall: Sylvain Saudan erschien auf der Bildfläche. Er befuhr am 23.10.1967 das Spencer Couloir an der Aiguille de Blaitière bei Chamonix. Die Zeit war reif. Mit seinen Freunden Gilles Bodin und Michel Lasca ging Sylvain die Unternehmung an. Zusammen meisterten sie den Anstieg. Oben hat sich der damals bereits 30jährige über dem gähnenden Abgrund aus dem Sicherungsseil ausgebunden und ist im Angesicht des Absturzes die 47° steile Rinne hinunter gefahren. Skifahren am Limit. Unten im Tal angekommen glaubte Saudan zwar zunächst niemand, als er jedoch mit Journalisten in einem Hubschrauber hinauf flog, waren diese hellauf begeistert. Sogar die Zeitschrift „Paris Match“ berichtete. Immer mehr Zeitungen und Magazine schrieben über den „Skieur de l’impossible“ – den „Skifahrer des Unmöglichen“. Saudan hatte ein gutes Gespür dafür, wie man mit den Medien umgehen muss, um Ziele zu erreichen. Giraud und Clément wollten im Jahr darauf ebenfalls im Mont Blanc Massiv eine prestigeträchtige Abfahrt durchführen, wurden in ihrem Zeitplan jedoch zurück geworfen und mussten mit ansehen, wie Saudan ihnen das Whymper Couloir vor der Nase wegschnappte. Kurz darauf verstirbt Clément bei einem Kletterunfall. Alleine machte Giraud nicht weiter.

Sylvain Saudan
Aus: Alpinismus 1973/11
Aus: Alpinismus 1973/11

Saudan aber hat seine Berufung gefunden. Noch ein paar Abfahrten mehr, inklusive Fotografen, Filmteams, die Aufmerksamkeit wuchs und rasch war ein Geschäftsmodell geboren. Saudan wurde zum ersten bezahlten Steilwandskifahrer. Bis heute hält dieser Ruhm an und der Westschweizer, der inzwischen im Französischen Chamonix lebt und im Himalaya, in Kaschmir, ein Heliski Unternehmen betreibt, hat nicht verlernt sich gelegentlich wieder ins Gespräch zu bringen. Ihn zeichnet in erster Linie aus, dass er IMMER ohne Sicherung fuhr, keinen Rucksack dabei hatte und allen seinen Abfahrten eine gewisse Steigerung inne wohnte. Seine Karriere hatte er präzise geplant – genau wie seine Bergunternehmungen.
Nach der Steilheit und Gefährlichkeit kam die zunehmende Höhe. Erst der Nun Kun mit 7135 Metern. Dann drehte Saudan 1982 einen Film über seine Befahrung vom Hidden Peak (Gasherbrum I), 8053 Meter hoch im Himalaya. Zuvor, 1979, hatte er eine Expedition zum Daulaghiri organisiert, die leider tragisch scheiterte. In einem Schneesturm kamen 3 Teammitglieder ums Leben. Saudan überlebte 4 Tage auf sich gestellt in großer Höhe.

Sylvain Saudan am Hidden Peak (Gasherbrum I) – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Hidden Peak (Gasherbrum I) – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Nun Kun – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Nun Kun – Archiv Sylvain Saudan

Im nächsten Blogpost gibt es ein langes Interview, das gemeinsam mit Hartmut Pohl und dem Meister Sylvain Saudan in Chamonix entstanden ist.

Sylvain Saudan, 2013, Chamonix / Les Houches, ©Knut Pohl (unbearbeitetes Bildmaterial)
Sylvain Saudan, 2013, Chamonix / Les Houches, ©Knut Pohl (unbearbeitetes Bildmaterial)

 

 

Die weiteren Posts

Wie versprochen habe ich die 60er und 70er in mehrere Posts unterteilt. Bei der Bearbeitung des Materials ist mir aber noch ein anderer Gedanke gekommen, den ich jetzt parallel verfolge. Und zwar lässt sich das Ganz mit den Interviews mixen. Dadurch entsteht mehr Dynamik und ist für alle Leser bestimmt interessanter. Die einzelnen Beiträge sind auch nicht so unerbitterlich lang, sondern noch in maximal 10 Minuten zu lesen. Have fun …

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Buchrezension: Sci Ripido in Val di Sole – Luca Dallavalle

Über Facebook ist mir letztens ein gewisser Luca Dallavalle aufgefallen (Danke für den Tipp Marius). Er hat einen Tourenführer über das Steilwandskifahren im Val di Sole geschrieben. Also dem Sulztal im Trentino. Dass es in Italien nicht nur den besten Cafe, Dolce Vita, den Gardasee, den Papst und Bungabunga Parties gibt, ist vermutlich allgemein bekannt. Immerhin stammen einige der größten Alpinisten aus dem schönen Stiefelland. Man merkt: Ich bin ehrlich großer Italienfan.

Überblick:
Jedenfalls hat dieser Luca (hier ein Bild des Herren), der übrigens auch ein ziemlich krasser MTB-Orienteering Fahrer ist (ich wusste nicht mal, dass es das gibt), einen kleinen aber feinen Tourenführer veröffentlicht. Schon 2014.

Sci Ripido in Val di Sole, Luca Dallavalle
Sci Ripido in Val di Sole, Luca Dallavalle

Sehr cool ist, dass es auch immer eine deutsche Übersetzung gibt – mir hilft das immer sehr. Die Übersetzung ist allerdings schlecht. Google Translate oder so. Aber mit ein wenig nachdenken kann man es schon einigermaßen lesen. Es geht einzig und ausschließlich um steile oder sehr steile Abfahrten.

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Aufbau:
Insgesamt hat das Büchlein so etwa 100 Seiten und es werden 57 Abfahrten + ein paar Varianten vorgeschlagen. Zum Teil gibt es noch GPS Tracks und Videos dazu, die sind dann auf der Hompage des Verlags zu finden. Über eine URL oder einen OR-Code gehts direkt dort hin. Die Videos sind kurz aber durchaus ein Mehrwert. Der Medienbruch zwischen Buch und Web ist aber natürlich spürbar.
Die Aufteilung ist immer gleich, ein Bild mit Abfahrts und Aufstiegslinie, eine recht kurze Textbeschreibung auf Italienisch und auf Deutsch. Ein paar technische Angaben Schwierigkeit, Höhenmeter, Dauer, Exposition, Höhenangaben und subjektive Bewertungen zur alpinistischen Schwierigkeit, Ausgesetztheit, dem Tourengeherandrang/Frequentierung und eine allgemeine Gesamteinschätzung. Bei manchen Touren gibt es noch ein paar zusätzliche Bilder.
Eine kurze Einleitung gibts auch noch. Auf Lawinen, alpinistische Herausforderungen oder eine Erklärung der Angaben verzichtet das Buch völlig.

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Inhalte:
Es geht, wie geschrieben, um steile Skiabfahrten. Die leichteste ist auf der Volo Skala mit 4.1 angegeben. Das ist auf jeden Fall schon mal wesentlich heftiger als man es dem durchschnittlichen Tourengeher zumuten möchte. Die Ansage ist deutlich. Dass auch die Aufstiege nicht ganz ohne sind, versteht sich von selbst. Alpine Erfahrung ist definitiv Voraussetzung.

Hier die Touren im Überblick:
Ortles – Cevedale
1 Corno dei Tre Signori – Parete Nord
2 Punta S. Matteo – Parete Nord
3 Punta Cadini – Parete Sud Ovest
4 Punta Cadini – Parete Nord
5 Punta d’Albiolo – Versante Nord
6 Cima di Rio Strino – Versante Nord
7 Punta Taviela – Canale Est
8 Punta Taviela – Canale Sud
9 Punta Taviela – Diretta Est
10 Vioz – Canale Sud
11 Vioz – Canale Teleferica
Presanella – Tonale
12 Canale del Dito
13 Canale Pericle Sacchi
14 Cima Busazza – Canale Nord Ovest
15 Cima Busazza – Via Pfeiffer Reif
16 Cima Cercen – Canale Nord
17 Cima Vermiglio – Canale Weixlaubamer
18 Cima Presanella – Via della Goulottina
19 Cima Presanella – Via a sx pensile
20 Cima Presanella – Via Faustinelli
21 Cima Presanella – Scivolo Nord
22 Cima Denza – Canale Nord
23 Cima Scarpacò – Parete Nord Est
24 Corno di Val Piana – Parete Sud Est
25 Cima Giner – Versante Nord
Val di Sole – Rabbi
26 Cima Mezzana Orientale – Canale Est
27 Cima Mezzana – Canali Sud Est
28 Piz di Montes – Versante Nord
29 Cima Valletta – Canale Ovest
30 Cima Tremenesca – Canale Nord Ovest
31 Cima Tremenesca – Versante Est
32 Cima Verdignana – Canale Sud Est
33 Cima Le Mandrie – Canale Sud Est
Maddalene
34 Cima Binasia – Canale Est
35 Cima Binasia – Canale Nord
Brenta
36 Monte Peller – Canale Nord-Ovest
37 Canlone Tof Mont
38 Cima Mondifrà Alto
39 Cima Sassara – Canale Nord Ovest
40 Ciam Sassara Via Normale
41 Sasso Alto Canalone Ovest
42 Sasso Alto da Nord Ovest
43 Corno di Flavona – Parete Sud Ovest
44 Cima Vagliana Via Normale
45 Cima Vagliana – Versante Nord
46 Cima Pietra Grande – Canale Est
47 Cima Grostè – Parete Nord Ovest
48 Cima Falkner – Canale Nord
49 Cima Falkner – Canale Sud
50 Campanile di Vallesinella – Canale Nord
51 Camoanile di Vallesinella – Canale Sud Ovest
52 Castello di Vallesinella – Canale Nord Ovest
53 Cima Sella – Versante Nord Ovest
54 Cima Brenta -Scivolo Nord
55 Cima Tosa – Canalone Neri
56 Cima d’Ambiez Canale Nord Ovest Parete Sud Ovest
57 Cima d’Agola Versante Nord

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Fazit:
Schöner Tourenführer für alle, die sich solche Sachen zutrauen. Luca ist damit eine echt anspruchsvolle Auswahl gelungen und man bekommt Lust, direkt hin zu fahren, um sich ein paar Wochen auszutoben.
Die Beschreibungen sind tendentiell kurz, die Deutsche Übersetzung unterirdisch. Die Fotos 0k – sie erfüllen ihren Zweck.
Was bei diesem Buch zählt ist der Inhalt. Der ist richtig gut, vor allem, weil man dem Autor sofort glaubt, dass er jede der Touren selbst durchgeführt hat.
Außerdem ist das so ein schönes Büchlein, weil es mal wieder zeigt, dass die „große, große Angst“ vor vielen vielen Touristen, die aus Gelände gerettet werden müssten, wo sie nicht hingehören, völlig unbegründet ist. In keinem einzigen Fall ist bisher dokumentiert, dass die Veröffentlichung von steilen Abfahrten, egal wo und wie, zu mehr Unfällen oder Rettungseinsätzen führt. Weder in Chamonix, wo jeder Schneefleck beschrieben ist, über das Buch Freeride in Dolomiti
noch nach Reini Scherers Freeski Tirol, nirgends sind gehäufte Fälle von überforderten oder verunglückten Steilwandaspiranten erfolgt.
Falls ich mich da täusche, dann bitte immer her mit den konkreten Beispielen! Dabei möchte ich aber bittesehr keine Einzelfälle sondern statistisch signifikante Zahlen, die das belegen.
Ein Buch wie das von Luca ist äußerst bereichernd für die Steilwandski-Fans. Es ist schön, dass sich insbesondere die Italiener und Franzosen nicht darum scheren, was so mancher TeufelandieWandmaler sicher auch zu Luca gesagt hat.

Daher meine absolute Kaufempfehlung für das Buch Sci ripido in Val di Sole! Ja, der Link ist an das Amazon Partnerprogramm angeschlossen. Das schreiben und recherchieren dieses Blogs benötigt viel Zeit und Arbeit. Es würde mich daher sehr freuen, wenn der eine oder die andere über die diversen Links bei Amazon bestellt. Danke! 🙂

© Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Luca Dallavalle.

In wie vielen Posts soll ich die Ära 1960-1970 veröffentlichen?

Wie viele Einzelblogposts soll es über die Ära 1960-1970 geben?

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Neue Technik neue Ziele

Mitte der 1920 Jahre sah man erste Abfahrten im MontBlanc Gebiet. 1930 gelang A. Colossa und H. Muller die Befahrung der Nordwestflanke des Mont Blanc de Tacul. 1933 fuhr Colossa mit dem Fotografen Guido Tonella den Col de Grande Jorasse ab. Und in den Ostalpen wagten sich Alpinisten ab 1931 erste äußerst steile Abfahrten hinab. Wer genau es war, der die Zuckerhütl Nordwand, die dabei erwähnt wird, fuhr, ist jedoch leider nicht mehr bekannt.

Mont Blanc de Tacul, die Befahrung geschah entlang der Nordwestroute, auf dem Bild eher rechts.
Grande Jorasses
Zuckerhütl

Für diese Befahrungen war die Weiterentwicklung der Skitechnik, vom Stemmschwung (zu dem sich Zdarskys Technik inzwischen weiterentwickelt hatte) hin zum Parallelschwung durch Anton Seelos aus Seefeld in Tirol, verantwortlich. Diese Technik erlaubte mit besserem Skimaterial immer gewagtere Hänge. Seelos neue Technik brachte ihm vier Skiweltmeister Titel ein und zudem feierte er als Trainer mit der Österreichischen und der Französischen Skimannschaft zahlreiche Erfolge.

Eine Unternehmung von Matthias Krinner und Hermann Lanzl direkt von der Westlichen Karwendelspitze hinunter durch die Wanne beweist darüber hinaus auch die alpintechnischen Fertigkeiten der Skifahrer jener Zeit.

Der Zeitpunkt, ab dem Steilwandskifahren belegbar seinen Anfang findet, dürfte 1935 gewesen sein.

Peter Schintelmeister und Fritz Kügler schafften erst die Nordflanken der Hochtennspitze. Wenige Tage später fuhren die beiden am 10.6.1935, gemeinsam mit Erwin Schlager, den Fuscherkarkopf in der Glocknergruppe mit Skiern hinab. Beide Hänge sind schon in der Besteigung nicht zu unterschätzende Touren. Insbesondere der Fuscherkarkopf zählt noch heute zu den klassischen Eistouren in den Ostalpen. Also zu den Touren, bei denen Steigeisen und Eispickel oder Eisgeräte notwendig sind und die Besteigung häufig mit Seilsicherung erfolgt.

Fuscherkarkopf ist rechts (mit wenig Schnee)

Mit Skiern muss dies 1935 als völlig unmögliche Unternehmung gegolten haben.

Schintelmeister
Originalfotos der Erstbefahrung der Fuscherkarkopf Nordwand. Archiv Peter Schintelmeister.

In einem Artikel in „Der Bergsteiger“ vom April 1937, den Peter Schintelmeister veröffentlichte, spekulierten er und seine Alpinistenkameraden über die Möglichkeiten andere Wände und Rinnen mit ähnlicher Steilheit zu fahren. Sie erwähnten dabei sogar die Pallavicini Rinne am Großglockner – 30 Jahre vor der Erstbefahrung. Schintelmeister fuhr darüber hinaus angeblich noch mehrfach die Nordwand des Eiskögele im Glocknergebiet.

Peter Schintelmeister über Skibefahrungen in der Glocknergruppe – 1936
Peter Schintelmeister über Skibefahrungen in der Glocknergruppe – 1936

Ski galten in den 1930er Jahren noch als reines Sportgerät – Touristen fuhren damit flache Hänge hinunter. Ski als alpinistisches Werkzeug konnten sich nur die allerwenigsten vorstellen.

Ebenso vor ihrer Zeit wirken daher die Abfahrten von Émil Allais im Winter von 1940/41. Er war der Gewinner der Skiweltmeisterschaft in Chamonix 1937 und in Engelberg 1938. Als Schüler von Seelos etablierte er das „Französische Skifahren“ neben seiner Skilehrertätigkeit unter anderem durch das Buch „Ski Français“. Als erfolgreicher Skirennläufer und Vater des Skisports in Frankreich stieg er 1940 gemeinsam mit seinem Skilehrerkollegen und Bergführer Etienne Livacic auf den Dom de Gouter im Mont Blanc Massiv. Ihr Ziel war die Nordflanke, über lange Strecken gut und gerne 40° steil. Gemeinsam mit dem Bergsteiger André Tournier gelang es ihnen auf dem Gletscher die Aiguille d’Argentière hinunter eine Abfahrtsspur in den Schnee zu zeichnen. Darüber hinaus wurde auch die Aiguille des Dru Westseite bereits in den 40er Jahren befahren.

Emil Allais
Emil Allais – La Methode Francais de Ski, Foto von 1937.
Emil Allais
Emil Allais – Buchempfehlung

Der zweite Weltkrieg unterbrach die alpinistischen Taten – oder verdrängte sie zumindest nachhaltig aus den Medien. Es dauerte anschließend noch ein paar Jahre, bis wieder etwas Bemerkenswertes passierte: Der Mont Blanc wurde im Frühjahr 1953 vom berühmten Alpinisten Lionel Terray und dem Amerikaner Bill Dunaway erstmals mit Ski befahren. Die Abfahrt gelang anlässlich des Filmdrehs für „Étoiles du Mont Blanc“. Im ersten Anlauf mussten die beiden einen Schneesturm in der Vallot Schutzhütte abwarten und dann brach sich Terray auch noch einen Wirbel als er einen 20 Meter hohen Eisbruch hinunter stürzte. Doch der Erstbesteiger der Annapurna (8091 Meter) war aus hartem Holz geschnitzt, nur wenige Tage später steigen die beiden wieder auf den weißen Monarchen und die Abfahrt gelingt (Link mit Gipfelbild).

Neben all diesen Abfahrten, die eine gewisse Beachtung gefunden haben, ist bekannt, dass eine Reihe wagemutiger Skialpinisten weitere Hänge mit Ski zeichneten. Allerdings wurden viele von ihnen nicht über die Grenzen ihres lokalen Aktionsradius hinaus bekannt. Insbesondere in den Ostalpen entwickelte sich eine regelrechte Steilwandskitradition und überall wo Schnee lag, wurde Ski gefahren. Zwar wissen die Menschen vor Ort häufig noch wo bereits kühne Schneespuren hinterlassen wurden, aber meist wurde nichts aufgeschrieben und lebt lediglich nur im Hörensagen weiter. Emil Allais und Peter Schintelmeister sind eine Ausnahme. Sie brachten ihre steilen Abfahrten in den Medien unter und können somit als gesichert gelten.

Sir Arnold Lunn

Zu Beginn des 20ten Jahrhunderts entwickelte sich der Skisport dann rasant. Rennen wurden immer populärer und Skialpinisten durchstreiften die Berge im Winter. Die ersten Skifilme wurden gedreht und natürlich versuchten vereinzelte Skifahrer alpinistische Unternehmen mit Ski durchzuführen. Mehrtägige Durchquerungen und Gipfelbesteigungen wurden mit Ski durchgeführt. Die berühmte Haute Route, von Chamonix nach Zermatt, wird 1903 erstmals von Michel Payot und Joseph Ducroz vom 16. Bis zum 22. Januar mit Skiern durchgeführt.

https://i1.wp.com/www.kandaharracing.com/wp-content/uploads/2015/06/Sir-Arnold-Lunn-e1435861679469.jpg?resize=203%2C208
Sir Arnold Lunn
Memorial to Arnold Lunn in Mürren, Switzerland. The text reads, "Sir Arnold Lunn 1898–1974. It was here in Mürren that Arnold Lunn set the first slalom in 1922 and organised the first world championship in downhill and slalom racing in 1931." Note that the birth date is incorrect; Lunn was born in 1888. Photo by User:Gdr https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arnold_Lunn_memorial.jpg
Sir Arnold Lunn Memorial in Mürren (CH), Gdr, Creative Commons

Insbesondere der Brite Sir Arnold Lunn hinterließ seine eindrücklichen Skispuren. Er schreibt von einer Skiabfahrt am 30.04.1916 das Triftjoch im Oberwallis hinunter: „Der Hang war mehr wie fünfundvierzig Grad steil“ und sein Führer Josef Knubel meinte anschließend zu der Aktion: „kein einziger Führer wird diese Tour mit Ski wiederholen“. Lunn wurde anschließend sogar in Zermatt noch verhaftet da man ihn für einen italienischen Deserteur hielt. Noch war Weltkrieg. Offensichtlich hatten die zuvor von seinem Begleiter Josef Knubel angewendeten Tricks, unter anderem ein künstlicher Kragen, den von einer mehrtägigen Bergtour gezeichneten Engländer in eine vorzeigbare Erscheinung zu verwandeln, nicht gefruchtet. Das Missverständnis ließ sich glücklicherweise schnell aufklären.

https://i0.wp.com/alpen.sac-cas.ch/fileadmin/data/resizedCenteredImages/SAC-Jahrbuch_1997_de-1083.jpg?resize=315%2C236
Josef Knubel, SAC-Jahrbuch 1997, Sammlung E. Gos
https://i1.wp.com/alpen.sac-cas.ch/fileadmin/data/resizedCenteredImages/SAC-Jahrbuch_1997_de-1081.jpg?resize=306%2C229
Josef Knubel, SAC-Jahrbuch 1997, Sammlung E. Gos

Die zahlreichen Bergtouren und seine große Liebe zum Skisport trugen dem Briten schließlich sogar den Adelstitel „Sir“ für „seine Verdienste für den Britischen Skisport und die Englisch-Schweizer Beziehungen“ ein. Er ist einer der Initiatoren der bis heute berühmten Kandahar Skirennen. Doch Lunn war zudem ein starker Alpinist. Er führte zahlreiche Erstbesteigungen im Fels und lange Skidurchquerungen in den Schweizer Alpen durch und fuhr schließlich am 18.06.1917 zusammen mit Josef Knubel die Nordflanke des Dom de Mischabel, dem höchsten Gipfel der Schweiz. Seiner Beschreibung nach war diese Befahrung tatsächlich eine Unternehmung mit dem Ziel vom Gipfel weg eine Skispur zu legen. Rückblickend schrieb er: „Etwa siebzig Meter unterhalb des Gipfels, wird der Hang plötzlich sehr steil; stellenweise erreicht er fünfundvierzig Grad, das heißt die äußerste Steile, auf der Schnee noch liegen bleibt. An jedem andern Gipfel hätten wir die Ski abgeschnallt und wären zu Fuß weitergegangen; aber wir hatten es uns nun einmal in den Kopf gesetzt, eine Skispur bis zum höchsten Punkte des „Daches der Schweiz“ zu legen. (…) Und um halb zwölf Uhr hatten wir eine Skispur durch den höchsten Schneehang der Schweiz gelegt.“ Eine weitere Pioniertat des Engländers. Mit nur 1,60m langen Ski fuhren die beiden im Pflug geradeaus in Falllinie ab und bremsten zusätzlich mit den Skistecken. Unkonventionell – aber funktionell.

Mischabelgruppe_pano2008, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mischabelgruppe_pano2008.jpg
Mischabelgruppe, Allalinhorn (li), Alphubel (mitte) und Mischabel (re: Täschhorn-Dom-Lenzspitze), Creative Commons, Bbb

 

Inzwischen ist bekannt, dass fünfundvierzig Grad nicht die Grenze der Schneehaftung an steilen Hängen ist, zu dieser Zeit war die Leistung der beiden jedoch ungeheuerlich. Erwähnung findet sie daher auch nur bei Lunn selbst, was sie geschafft hatten entzog sich noch dem Verständnis der Öffentlichkeit. Zudem ist der Berg 4554 Meter hoch und auch heute noch eine alpinistische Herausforderung.

Es folgte einige Jahre später, am 19.05.1924 und nicht ohne ernste Probleme, die Erstbesteigung des Eigers mit Ski. Ein beinahe tödlicher Absturz in der Westflanke wurde mit viel Glück durch ein Seil gehalten. Es hatte sich hinter einem nur 10 cm breiten und 3 cm hohen Stein verfangen. Lunn und seine Gefährten kamen mit dem Schrecken davon. Mit Ski Abgefahren ist die Gruppe schließlich durchgängig ab dem Eigerjoch.

Eiger – Foto Dirk Beyer
Eiger (3.970 m, Berner Alpen, Nordwestseite), von Kleine Scheidegg aus, Dirk Beyer, CC BY-SA 3.0

Was sagt Wikipedia über Steilwandskifahren?

Der Begriff Steilwandskifahren wird bei Wikipedia unter der Kategorie „Extremskifahren“ geführt. Das ist natürlich Blödsinn – siehe hier. Am besten bekommen es die Franzosen (unterscheiden sogar zwischen 2 Benennungen, Ski de pentes raides – Skifahren auf steilen Abfahrten, und ski extrême) und die Italiener hin (die übrigens wie die Franzosen einen guten Grund dafür haben es „Ski estremo“ zu nennen). Auf Deutsch und Englisch ist das Ganze eher dürftig. Nein, ich habe keine Ambitionen mich auf Wikipedia zu betätigen. Schwedisch scheint mir auch eher dünn, aber das verstehe ich nicht wirklich.

Ich komme nur grad drauf, da auf freeskiers.net der Verweis auf einen älteren Artikel von Bergundsteigen gefallen ist, in dem beim letzten Setzen, nach dem Lektorat, ein Fehler reingehüpft ist. Es geht um diesen Artikel über die Bewertungsskalen. (ist von mir)

Der Fehler ist auf Seite 35 – das groß gestezte Zitat „Wir haben diese Art Ski zu fahren Ski extrême genannt. Eigentlich wollten wir ja Skialpinism verwenden, aber das hatten sich schon die Tourengeher als Namen geschnappt.“ ist nicht von Pierre Tardivel sondern von Anselme Baud. Das macht natürlich im Kern nichts aus, außerdem haben es sicher beide von Zeit zu Zeit so gesagt, aber es erklärt ganz gut, woher der Name kommt. Anselme meinte mal in einem Gespräch, wir haben öfters telefoniert, dass er und Patrick Vallençant (bester Kumpel, Freund und Seilgefährte) diskutiert hätten, wie sie es nennen sollten. Sylvain Saudan hatte seinen Stempel schon gesetzt, aber die beiden wollten auch ihre Spuren hinterlassen (schrieben sogar ein Manifest, das ich hier später noch poste) und entschieden sich bewusst für „extrême“ und gegen das ohnehin schon von den Skitourengehern besetzte „ski alpinisme“, um der Vermarktung etwas unter die Arme zu greifen. Patrick war dabei die treibende Kraft. Im deutschsprachigen Raum hätte man aber natürlich die richtigere Bezeichnung wählen können – aber die hiesigen Protagonisten, oder deren Sprachrohre, wollten eine bewusste Trennung zum Alpinismus ziehen.

Pierre Tardivel, der übrigens ein ganz wunderbares Picasa Album führt, seitdem ihm sein alter Webhostingprovider die komplette Seite gelöscht hat, (bzw. ging der Blogprovider Pleite und das sei uns allen eine Erinnerung daran, dass die Cloud auch nur der Computer von jemand anderem ist) hat mir in einem Interview darüber hinaus verraten, dass sie in den 80ern natürlich diese Skifahrerei „EXTREM“ nannten, da das schlicht besser bei Sponsoren gezogen hat. (Inkl. Neonoveralls und Heckeinsteiger). Hier der Wikipediaeintrag von ihm mit Abfahrten bis 2007 – es sind inzwischen sicher nochmals 50 hinzu gekommen, wie seine eigene Liste zeigt, die er aber auch nicht mehr pflegt (Upto date ist sein Picasa Album). Dass dabei einfach auch viel Marketinggedöns im Spiel war wussten schon damals alle Beteiligten. Oder fast alle … Das hat sich jetzt in den allgemeinen Sprachgebrauch hineingefressen und ist in der Wikipedia also so verankert. Stimmt zwar nicht, tut aber auch keinem weh.

Was ist Steilwandskifahren? Ski extrem?

Steilwandskifahren ist Skifahren an der Haftungsgrenze der Skikanten auf dem Untergrund Schnee in steilem Gelände abseits von Skipisten. Das klingt jetzt etwas sperrig. Der Realität entspricht es auch nicht. Der Untergrund Schnee ist variabel – sehr variabel sogar. Von lockerem Pulverschnee bis hin zu bombenfestem Eis ist alles möglich. Pulverschnee bringt Abfahrtsspaß und hält tödliche Lawinen bereit – Eis ist lawinensicher und zuverlässig solange man fest steht, andernfalls erlebt man eine rasante Rutschpartie.

Gemixt mit steilen Hängen oder Rinnen ergibt sich so ein recht spannender Mix. Doch was ist überhaupt steil? Die Harakiri Skipiste in Mayrhofen in Tirol ist offiziell die steilste Skipiste der Welt. Sie ist in der Kategorisierung (blau = leicht, rot = mittel, schwarz = schwer) tiefschwarz und wird von Marketeers gerne mit Totenköpfen bedacht. Stolze 36 Grad Gefälle sollen es sein, die da von vielen Skitouristen meist rasant als Brummkreisel mehr auf dem Hosenboden als stehend elegant kontrolliert auf Skiern ins Tal absolviert werden. Schon bei diesem Gefälle merken Strauchelnde, dass es kaum ein Halten gibt, wenn die Schwerkraft in die Tiefe zieht. Alles, vom Handschuh bis zum Ski, findet oft erst unten wieder mit dem Gestürzten zusammen.

Update 26.01.2016: Danke an Lorenzo Rieg,und Lea Hartl, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass es inzwischen etwas Steileres gibt. Nämlich die Manni Pranger Piste in Steinach am Brenner (bei der Bergeralm), die wohl bis zu 45° Grad hat. Naja, ich fand das Video jetzt nicht so überzeugend, aber mir entgeht vmtl. wieder die Dramatik der lebensbedrohenden Situation.

Doch das ist für Steilwandskifahrer wenig mehr als eine sanft geneigte Wedelpiste. Im allgemeinen Konsens sind es 45 Grad – die Hälfte von 90° – die die Grenze zwischen normalem Skifahren und Steilwandskifahren darstellen. Dabei können 45° in weichem Pulverschnee leicht zu fahren sein, oder ein Horrorfilm auf Eis.

Die Steilheit alleine ist nicht entscheidend. Erst, wenn über eine längere Strecke ein Gefälle von 45° anliegt spricht man von einer Steilabfahrt. Viele Hänge haben kurze steile Stellen – im Extrem wechselt beispielsweise eine Buckelpiste zwischen 0° und 90° ab, aber niemand kommt auf die Idee zu behaupten er wäre hier eine 90° steile Buckelpiste gefahren. Um als Steilabfahrt gewertet zu werden sollte so eine Abfahrt schon einige hundert Meter lang sein.

Als Extrawürze wird der Cocktail aus Steilheit und Länge noch mit gefährlichen Fels- oder Eisabbrüchen, hohen Felswänden oder verblocktem Gelände garniert. Der unvermittelt Stürzende sieht sich dann mit recht großer Gewissheit entweder eine Fels- oder Eiswand hinab stürzen, seinen Sturz an einem Fels abrupt stoppen, wird direkt von einer Lawin einer der vorab genannten Gefahren zugeführt oder von herabfallenden Eis- oder Felsmassen erschlagen.

Das authentische Steilwandskifahren beginnt also in Hängen oder Rinnen, die über mehrere hundert Meter lang über 45° steil sind, bei denen ein Sturz mit großer Wahrscheinlichkeit tödlich endet und zudem ständig alpine Gefahren lauern.

Potentiell wirkt Steilwandskifahren daher auf den ersten Blick nicht, wie Sport meist doch wahrgenommen wird, lebensverlängernd. Aus diesem Grund sind die aktiven Steilwandskifahrer, oder auch Snowboarder, Spezialisten. Um mit den genannten Gefahren umgehen zu können sind spezielle Kenntnisse, Techniken und viel Erfahrung notwendig. Bei einem Blick in die Statistiken zeigt sich dann auch, dass nur ein sehr kleiner Teil der Ausführenden beim Skifahren in steilem Gelände ums Leben gekommen ist. Offenbar wissen die meisten sehr gut, auf was sie sich einlassen.

 

Extremski?

Bis vor einiger Zeit wurde diese Art des Skifahrens noch gerne als Extremski bezeichnet. Die Namensgebung ist irreführend – denn extrem ist individuell unterschiedlich. Was in den Anfängen des Skifahrens extrem, also am äußersten machbaren Limit, war, ist heute normales Skigelände für versierte Tourengänger. Die Grenzen haben sich im Laufe der Zeit verschoben. Dank der zahlreichen Protagonisten, die immer wieder neu definiert haben was möglich ist.

Auch individuell ist „extrem“ sehr unterschiedlich. Kein Steilwandskifahrer mit Rang und Namen, außer denen natürlich, die am Marketingtropf hängen, sagt von sich, er sei Extremskifahrer. Denn irgendwo gibt es sicher jemanden der noch besser, noch steiler, noch ausgesetzter, noch gefährlicher auf Ski unterwegs ist. Der Begriff stammt noch aus Zeiten, als man dachte, dass die Limits erreicht sind. Und doch hat stets jemand gezeigt, dass es noch extremer geht – hat damit die vorhergehenden Leistungen dieser Bezeichnung beraubt. Auch heute sind immer noch minimale Steigerungen möglich. Die Nuancen entscheiden hierbei und sind auch nur noch den Kennern vertraut. Als Laie sieht man den Unterschied nicht oder nur mit technischen Hilfsmitteln, so wie es in jeder Sportart der Fall ist, wenn sich die Besten messen.

Der Begriff Extremski ist daher nicht gerechtfertigt – erst wenn objektiv ein Limit erreicht wird, kann von einem Extrem gesprochen werden. Vieles „Extreme“ ist bei genauerer Betrachtung keine Höchstleistung – auch nicht, wenn man dieses Etikett aufklebt.