Sylvain Saudan – der Erste

Viele dachten Anfangs der 1960er Jahre vermutlich, dass es sich bei besonders steilen Skiabfahrten lediglich um Stunts gehandelt haben kann oder viel Glück seine Finger im Spiel hatte.

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Aus: Alpinismus 1964/11

Dies änderte sich in den 60er Jahren. 1961 fuhren Gerhard Winter und Herbert Zakarias mit sogenannten  Firngleitern durch die berühmte Pallavicini-Rinne am Großglockner. Mit äußerst kurzen Skiern also, nur etwa einen halben Meter lang, bei denen man das Heck mit der Ferse hart in den Schnee drückt, um zu bremsen und Kurven zu fahren. Firngleiter sind keine Ski und daher kann diese Befahrung, trotz ihrer Großartigkeit, nicht als Skibefahrung gelten. Zu Recht ist die Leistung der beiden  öffentlich bekannt.

Pallavicini Rinne – sie liegt in der Bildmitte und führt in die Scharte zwischen Klein- und Großglockner
Aus: Alpinismus 1968/11 – Winter und Berghold
Aus: Alpinismus 1968/11 – Winter und Berghold

Fast in Vergessenheit geraten sind dagegen die Abfahrten von André Giraud und Paul Clément. Schon im Mai 1965 fuhren sie das Davin Couloir im Tal von Guisane. 1700 Höhenmeter und im oberen Teil bis zu 50° steil. Im folgenden Frühjahr waren sie wieder aktiv, das Barre Noir Couloir im Massiv des Écrins war an der Reihe. Doch auch dieses Mal: Wieder kein breites Medienecho.

Couloir Davin
Barre Noir Couloir

Dann kam der Knall: Sylvain Saudan erschien auf der Bildfläche. Er befuhr am 23.10.1967 das Spencer Couloir an der Aiguille de Blaitière bei Chamonix. Die Zeit war reif. Mit seinen Freunden Gilles Bodin und Michel Lasca ging Sylvain die Unternehmung an. Zusammen meisterten sie den Anstieg. Oben hat sich der damals bereits 30jährige über dem gähnenden Abgrund aus dem Sicherungsseil ausgebunden und ist im Angesicht des Absturzes die 47° steile Rinne hinunter gefahren. Skifahren am Limit. Unten im Tal angekommen glaubte Saudan zwar zunächst niemand, als er jedoch mit Journalisten in einem Hubschrauber hinauf flog, waren diese hellauf begeistert. Sogar die Zeitschrift „Paris Match“ berichtete. Immer mehr Zeitungen und Magazine schrieben über den „Skieur de l’impossible“ – den „Skifahrer des Unmöglichen“. Saudan hatte ein gutes Gespür dafür, wie man mit den Medien umgehen muss, um Ziele zu erreichen. Giraud und Clément wollten im Jahr darauf ebenfalls im Mont Blanc Massiv eine prestigeträchtige Abfahrt durchführen, wurden in ihrem Zeitplan jedoch zurück geworfen und mussten mit ansehen, wie Saudan ihnen das Whymper Couloir vor der Nase wegschnappte. Kurz darauf verstirbt Clément bei einem Kletterunfall. Alleine machte Giraud nicht weiter.

Sylvain Saudan
Aus: Alpinismus 1973/11
Aus: Alpinismus 1973/11

Saudan aber hat seine Berufung gefunden. Noch ein paar Abfahrten mehr, inklusive Fotografen, Filmteams, die Aufmerksamkeit wuchs und rasch war ein Geschäftsmodell geboren. Saudan wurde zum ersten bezahlten Steilwandskifahrer. Bis heute hält dieser Ruhm an und der Westschweizer, der inzwischen im Französischen Chamonix lebt und im Himalaya, in Kaschmir, ein Heliski Unternehmen betreibt, hat nicht verlernt sich gelegentlich wieder ins Gespräch zu bringen. Ihn zeichnet in erster Linie aus, dass er IMMER ohne Sicherung fuhr, keinen Rucksack dabei hatte und allen seinen Abfahrten eine gewisse Steigerung inne wohnte. Seine Karriere hatte er präzise geplant – genau wie seine Bergunternehmungen.
Nach der Steilheit und Gefährlichkeit kam die zunehmende Höhe. Erst der Nun Kun mit 7135 Metern. Dann drehte Saudan 1982 einen Film über seine Befahrung vom Hidden Peak (Gasherbrum I), 8053 Meter hoch im Himalaya. Zuvor, 1979, hatte er eine Expedition zum Daulaghiri organisiert, die leider tragisch scheiterte. In einem Schneesturm kamen 3 Teammitglieder ums Leben. Saudan überlebte 4 Tage auf sich gestellt in großer Höhe.

Sylvain Saudan am Hidden Peak (Gasherbrum I) – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Hidden Peak (Gasherbrum I) – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Nun Kun – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Nun Kun – Archiv Sylvain Saudan

Im nächsten Blogpost gibt es ein langes Interview, das gemeinsam mit Hartmut Pohl und dem Meister Sylvain Saudan in Chamonix entstanden ist.

Sylvain Saudan, 2013, Chamonix / Les Houches, ©Knut Pohl (unbearbeitetes Bildmaterial)
Sylvain Saudan, 2013, Chamonix / Les Houches, ©Knut Pohl (unbearbeitetes Bildmaterial)

 

 

2 Gedanken zu „Sylvain Saudan – der Erste“

    1. Danke für den Hinweis auf den Film. Sehenswert! Mit Albrecht und Manfred hatte ich ein tolles langes Interview. Zwei super Kerle. Manfred ist zwischenzeitlich leider verstorben.

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