Interview mit Anselme Baud

Im „Bistro des Sports“ in Chamonix treffe ich Anselme Baud. Er ist ein ruhiger, heiterer sympathischer Typ Ende 60. Sein Gesicht ist schmal jedoch kantig und mit einem Henriquatre Bart geziert. Er macht einen sehr fitten Eindruck, seine etwa 175cm sind überwiegend mit dünnen Muskeln bepackt und wenn man ihm begegnet, die Hand schüttelt, dann merkt man, dass er Kraft hat. Er strahlt Souveränität aus, er hat es nicht nötig mit irgendetwas zu prahlen oder gar zu übertreiben. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater sowie die Ahnen seiner Frau waren erfolgreiche Bergsteiger, Bergführer und sogar Skiweltmeister. Selbst ist er für seine Tätigkeiten über Frankreich hinaus bekannt und berühmt geworden – er muss niemandem etwas beweisen und strahlt eine innere Ruhe aus, die ganz natürlich ist. Er ist bekannt hier, ständig muss er links und rechts grüßen, einmal kommt eine Frau spontan an unseren Bistrotisch, die sich von ihm sein letztes Buch signieren lässt. Trotz seiner Bekanntheit zeigt er keinerlei Allüren die ihn großspurig oder herablassend wirken lassen. Er ist stets sehr freundlich sowie aufmerksam und geht auf meine Fragen umfassend ein. Es stellt sich umgehend eine angenehme vertraute Stimmung ein. Schon zuvor hat er mehrfach ausführlich mit mir telefoniert und lange Antworten auf meine E-Mails geschrieben. Es ist ihm offensichtlich ein Anliegen die Sicht auf das Steilwandskifahren möglichst umfassend zu ermöglichen. Da er einer der frühen Hauptprotagonisten war und durch seine Bücher bis heute ist, hat er eine Menge Informationen und Insidergeschichten.

Geboren: 29.01.1948 in Morzine, Frankreich.

Mit zu den bedeutendsten Charaktere des „Ski Extrême“ zählt Anselme Baud. Er definierte gemeinsam mit seinem Freund und Bergpartner Patrick Vallençant erstmals was diesen Sport ausmacht. Im Film „Steep“ wird ihm zu Recht eine führende Rolle in der Entwicklung des Steilwandskifahrens zugesprochen. Sein Buch „Mont Blanc and the Aiguilles Rouges – A guide for Skiers“ wird von vielen fast schon als „Bibel“ angesehen. Auf sein Konto gehen zahlreiche Erstbefahrungen weltweit. Hier eine angesichts der Fülle nur kurze Liste, auch bedeutende Wiederholungen.

  • 1973, Couloir Gervasutti, Tour Ronde.
  • 1973, Couloir Couturier, Aiguille Verte, mit Patrick Vallençant.
  • 1973, Couloir Whymper, Aiguille Verte, mit Patrick Vallençant.
  • 1975, Südcouloir des Col Armand Charlet.
  • 1977, Couloir Cordier, Aiguille Verte.
  • 1977, Nordwand der Aiguille du Midi, mit Daniel Chauchefoin und Yves Détry.
  • 1977, Arête de Peuterey, mit Patrick Vallençant.
  • 1978, Ein Couloir am Dhaulagiri (Himalaya).
  • 1980, Abfahrt zwischen Camp III (7800 m) und Camp II (7200 m) während der erfolgreichen Besteigung des Yalung Kang (Kangchenjunga Kette, Himalaya).
  • 1997, Nordwest Couloir des Mount Vinson (Antarktis).

uvvvvvvvvm.

 

B: Wie bist Du zum Skifahren gekommen?

A: Ich bin immer Ski gefahren, ich wollte immer Ski fahren. Vom ersten Schnee an bis zu den letzten Resten die irgendwo lagen, ich war immer mit den Ski unterwegs. Meine Lust auf Skifahren ist bis heute ungebrochen. So hat sich auch mein Können und Wissen entwickelt, durch die ständige Übung. Es war normal überall mit Ski zu fahren, also logischerweise auch in den steilen Hängen. Ich bin dann auch Skirennen gefahren und habe meine Ausbildung zum Bergführer gemacht. All meine männlichen Verwandten waren Bergführer, da war es auch für mich naheliegend das zu machen.

B: Wie hat das Steilwandskifahren für Dich begonnen, wie liefen die Dinge ab?

A: Die ersten steilen Hänge wurden schon sehr lange befahren. Dann kamen Heini Holzer und Sylvain Saudan und danach die Italiener. Wir kamen Anfang der 70er dazu – Patrick Vallençant und ich – wir fuhren bewusst steile Abfahrten, sahen es aber als Teil des Alpinismus an. Extremskifahren war für uns also eine bewusste und auch kontrollierbare Sache, durch Wissen und alpines Können, Lawinenkunde, Aufstiegskenntnisse usw..

B: Wie hast Du Patrick Vallençant kennen gelernt?

A: Damals war ich 18 Jahre alt und nahm an einem Vorbereitungskurs für Bergführer teil. In den Bergen des Oisans / Ecrins. Die UCPA (Die französische Union der Freiluftsportzentren („Union nationale des Centers sportifs de plein air“)) bot solche Kurse für die jungen angehenden Bergführer an, um ihnen schon mal ein wenig die Grundlagen beizubringen. Das war nicht teuer und ich bin dort hin, um etwas zu lernen und um die Berge dort kennen zu lernen. Die „Barre des Ecrins“ hatte ich bis dahin nie gesehen. In diesem Kurs waren etwa 40 von uns und einige von ihnen sind sehr gute Freunde geworden. Dort  habe ich unter anderem eben auch Patrick Vallençant kennen gelernt. Im folgenden Jahr waren wir beide dann gemeinsam in der „Ecole National du Ski et Alpinism“ (ENSA) in Chamonix, um die Bergführerausbildung zu absolvieren. Dort haben wir uns dann sehr gut kennen gelernt und gemerkt, dass wir in eine sehr ähnlich Richtung denken. Er hatte damals schon die Nordwand der Tour Ronde die Aiguille d’Argentiere mit Ski gemacht, ich zwar nicht in dieser Größenordnung aber bei mir zuhause in Morzine gibt es auch steile Abfahrten. Wir sprachen viel über solche Abfahrten. Bald ging ich dann in die Vereinigten Staaten, um weitere Bergführerausbildungen zu absolvieren. 1972 war das. Anschließend trafen wir uns wieder und haben begonnen gemeinsam Abfahrten durchzuführen. In den USA habe ich zufälligerweise Sylvain Saudan getroffen als er vom Mount Hood abfuhr. Ich habe ihm sogar dabei geholfen. Er fuhr sehr spät ab, es war schon fast dunkel, und als ich absteigen wollte war es schon Nacht. Da habe ich mich auf meinen Rucksack gesetzt und bin die Abfahrt einfach hinunter gerutscht. Die Journalisten, die am nächsten Tag die Spur von meinem Rucksack sahen, dachten, dass Saudan ohne eine einzige Kurve abgefahren war.

Es gab damals nur sehr sehr wenige Steilwandskifahrer und man kannte sich. Insbesondere mit Patrick kam ich sehr gut zurecht. Er hatte eine sehr starken Physis und war dazu auch mal aufbrausend, überhaupt nicht bescheiden – andererseits hatte er ein angenehmes Wesen, war unheimlich freundlich und nett. Er wirkte wie ein sehr brutaler Typ, war aber zugleich intelligent und angenehm. Es klingt vielleicht seltsam, aber obwohl wir so gute Freunde waren haben wir uns nie gestritten. Selbst wenn wir unterschiedlicher Ansicht waren haben wir alles besprochen, einen Streit gab es nie.

Patrick war die treibende Kraft unser Steilwandskifahren, das Extremskifahren, medienwirksam zu nutzen. So wie Saudan. Das ganze kommerziell zu nutzen, Fotos und Filme zu verkaufen, Werbung zu machen. Er nahm sogar Klienten mit zum Steilwandskifahren. Das hätte ich nie gemacht. Er ging damit ein sehr hohes Risiko ein. Die Nordwand der Courtes hat er mit drei weiteren Bergführern und sieben oder acht Kunden pro Führer gemacht. Natürlich mit dem Hubschrauber, aber das hätte ich nicht getan. Zu seinem Glück war der Schnee fast immer gut. In seiner Bergschule hatte Patrick zudem einige Bergführer, die sehr auf die Sicherheit achteten, die Kunden wirklich beaufsichtigten, nicht so leichtfertig wie Patrick mit der Gefahr umgingen. Einmal hatte er Pech als ihm ein Klient ums Leben kam, am Mont Blanc, der Klient ist ein paar Meter zu weit gefahren und ist ins Leere gestürzt. Patrick war selbst nicht wirklich schuld … aber nunja.

B: Wusstet ihr von den anderen Steilwandskifahrern? Sylvain Saudan, Heini Holzer usw.?

A: Zunächst sehr wenig. Wir wollten schon wissen ob es noch mehr gibt, die solche Abfahrten durchführen. Aber zunächst kannten wir nur Saudan. Aus dem „Nichts“ kam Heini Holzer und ist die Brenvaflanke als Erster abgefahren und auch die Nordwand der Aiguille d’Argentiere. Das haben wir erst im Nachhinein mitbekommen. Er war sehr bescheiden und sprach nicht viel über seine Vorhaben. Ab dem Zeitpunkt kannten wir ihn aber und haben seine Abfahrten verfolgt.

Von Saudan wussten wir aber natürlich. Er hat als LKW-Fahrer drüben in der Schweiz gearbeitet und als Skilehrer, er war auch ein wenig Bergsteiger. Und er war schon steile Hänge im Engadin gefahren, das wussten wir. Er kam manchmal mit Freunden hierher nach Chamonix. Sie fuhren Ski und tranken Bier, und da kam es wohl in einer Bar dazu, dass sie darüber sprachen, dass jemand das Spencer mit Ski abfahren solle. Er hat sich das zugetraut, seine Freunde halfen ihm dabei mit den Ski aufzusteigen, ja, und er hat es dann gemacht und geschafft. Sie haben noch ein paar Fotos davon geschossen und als sie wieder im Tal waren hat sich eine Frau vom Magazin „Ski Flash“ dafür interessiert. Sie publizierte die Abfahrt, da sie begeistert davon war. Sie setzte es sogar auf die erste Seite. Das war der Beginn! Damals, 1967/68, gab es noch nicht einmal den Begriff „Abseits der Skipiste“ und von Steilwandskifahren oder Extremskifahren hat erst recht niemand gesprochen. Nach diesem ersten Artikel ging es aber richtig los. Die Presse hat sich dann plötzlich für Saudan interessiert. Außerdem hat er sofort verstanden, dass man daraus etwas schaffen kann. Sein ganzes Leben hat er darauf aufgebaut, von den zwei oder drei Filmen, die er gedreht hat, lebt er bis heute. Er fuhr auch immer bei weichem Schnee und er benutzte natürlich auch Seile um sich zu sichern – im Couloir Gervasutti beispielsweise. Nichts desto trotz hat er das „Spiel“ grundlegend verändert, da er die Medien für sich interessieren konnte. Wir haben darüber anfangs noch etwas gelächelt, da wir andere Grundsätze verfolgten. Unserer Ansicht nach muss man einen Berg erst hinaufsteigen bevor man abfährt. Helikopter lehnten wir ab, Hilfe von Außen, Träger beispielsweise, verstößt ebenfalls gegen diesen klaren und reinen Stil. Wir schafften alle unsere Abfahrten auf ehrliche und aus unserer Sicht seriöse Art und Weise.

B: Du hast Dich mit Patrick ja auch abgeseilt, widerspricht das nicht Eurer Überzeugung?

A: Das haben wir sehr sehr selten gemacht! Das ist ja nicht mehr Skifahren. Beispielsweise an der Aiguille de Midi. Da wussten wir, dass es einen 20 Meter hohen Felsabbruch gibt, den man nicht befahren kann, und so haben wir das akzeptiert, da sonst die ganze Abfahrt nicht möglich gewesen wäre. Eine Geschichte dazu ist auch ein kleiner Film den wir gedreht haben: ich habe mich die Südwand der Aiguille de Midi mit Ski an den Füßen abgeseilt. Da gibt es nur die Felswand, keinen Schnee. Der Film sollte die Zuschauer zum Lachen bringen, und außerdem zeigen, dass es mit Seil keine Probleme gibt. Mit Seil kann man alles „abfahren“. Der Stunt an der „Aiguille du Dru“ ist auch so ein Beispiel, den kleinen Schneefleck der mit dem Snowboard befahren wurde, nicht sehr steil, nur 45°, hat Jean-Marc Boivin erreicht, indem er mit einem Fallschirm aus einem Helikopter gesprungen ist, auf dem Gipfel landete, sich dann abseilte, den Schneefleck befuhr, und dann mit einem Gleitschirm ins Tal segelte. Eine verrückte und unglaubliche Sache die viel Aufmerksam bekam. Aber natürlich ist das keine Skiabfahrt. Von solchen Aktionen kann man träumen. In dem Stil könnte man vieles machen, und Boivin hat es dann eben auch wirklich gemacht. Leider ist Boivin später beim Fallschirmspringen gestorben. Viele der „Extremen“ von früher sind gestorben, meist recht jung. Das ist schade und ich glaube auch, dass sie nicht so recht großen Respekt vor dem Leben hatten den man aber braucht, um lange zu leben. Man muss es ernst nehmen. Manchmal gibt es Momente, in denen man einfach einen Rückzieher machen muss. Das Leben bietet so viel … Zurück zum Punkt: Abseilen ist richtiges Bergsteigen, man wird Alpinist. Und das ist auch der Grund warum Saudan das ablehnt. Er ist kein Alpinist, er ist Skifahrer.

Neben Saudan und Holzer gab es etwas später noch Stefano Di Benedetti. Meine erste Begegnung mit Di Bendetti war kurios. Damals war ich am Mont Blanc du Tacul mit Klienten unterwegs und hörte von unten, von unterhalb der großen Schneewächte die das Gervasutti nach oben abschließt, eine Stimme rufen. Ich rief zurück und er antwortet, dass er sich für die Abfahrt vorbereiten würde. Da rief ich zurück, dass er bleiben solle wo er ist, da ich ihm ein Seil hinunter lassen wollte, damit er sich die ersten Schwünge sichern könne. Um ehrlich zu sein hatte ich ein wenig Angst um ihn, er war noch sehr jung, erst um die 20. Und so haben wir es dann auch gemacht: Er sicherte sich die ersten Meter und als er sah, dass die Bedingungen gut waren und er der Aufgabe gewachsen war, ließ er mein Seil zurück. Das ist eine schöne Erinnerung, ich fand es toll, dass er dort abfuhr, da ich dort schon zweimal hinunter gefahren war, für einen Film. Ich war sogar recht stolz auf diesen Kerl, da es damals so gut wie niemanden gab der da hinunter fuhr. Wir haben uns allerdings später nicht wieder getroffen. Zwar mal kurz gesehen, aber wir bauten keine direkte Beziehung zueinander auf.

B: Wie kommt es eigentlich, dass in Frankreich und Italien das Steilwandskifahren so viel Aufmerksamkeit bekommen hat und in den deutschsprachigen Ländern so wenig?

A: Nun, das wird wohl an einer anderen Mentalität liegen. Zum Einen habe ich bemerkt, dass darüber in den „germanischen“ Ländern nicht gesprochen wird, um die Jungen nicht auf dumme Gedanken zu bringen. Außerdem lassen sich die Franzosen und Italiener gerne feiern, und man feiert einander auch gerne wenn man eine echte Leistung erbracht hat. Das ist eine grundlegend andere Einstellung. Anfangs war das hier in Frankreich auch so. Man wurde komisch angeschaut wenn man sich mit solchen Federn schmückte, aber wir haben es geschafft diese Spielart so in die Öffentlichkeit zu bringen, dass sie dann positiv aufgenommen wurde. Insbesondere Patrick war da ganz stark. Er war der Auffassung, dass es uns genauso gebührte davon zu leben. So wie Saudan, der seine Filme verkaufte. Patrick wollte nicht nur als Bergführer arbeiten. Das machte ihm keinen großen Spaß. Das Bergführerdasein kann man nicht kommerziell vermarkten, er wollte etwas verkaufen. So hat er das Steilwandskifahren immer mehr in Magazine und die Zeitungen gebracht. Wir haben bei anderen mitbekommen, dass es geht. Bei Patrick Edlinger zum Beispiel haben wir gesehen, wie man eine Sportart salonfähig machen kann. Edlinger hat es in Frankreich geschafft das neue Klettern, das Sportklettern, populär zu machen. So wollten wir es auch machen. Er war in seinem Klettern unheimlich gut, und sein Ausstrahlung so stark, wie ein Engel, da haben sich die Medien ihn gegriffen und vermarktet. Patrick Vallençant war auch so ein Medienliebling. Ich denke jetzt bräuchte es wieder jemanden der das so kann. Marco Siffredi war sehr gut dafür geeignet, aber leider lebt er nicht mehr. Mit solchen „Vorbildern“ kann man einem Sport ein Gesicht geben. Die Alpinclubs, die Alpenvereine können das nicht so richtig, sie sind intern zu diszipliniert, zu sehr eingefahren. Sie tun sich sehr schwer Neues auf den Weg zu bringen. Es sind die Medien die eine Öffentlichkeit schaffen können. Beim Steilwandskifahren ist es aber schwer die Medien ins Boot zu bekommen, da man für nichts garantieren kann. Die Bedingungen in den Bergen sind oft so komplex, dass man einfach nicht sagen kann, ob etwas möglich sein wird oder nicht.

B: Wo wir gerade bei den Bedingungen sind, welches war Deine schönste und welche die schwierigste Abfahrt? Ich frage da Du mal eine Art Rangliste aufgestellt hast.

A: Die Arête de Peuterey war wohl die Schönste. Schwer im Aufstieg, mit den langen Ski und dann hatten wir noch eine 16mm Kamera dabei. Die Aktion wurde auch nicht oft wiederholt. Aber die Frage ist schwer da alle Abfahrten ihre Eigenheiten haben, im Couturier hatten wir sehr harten Schnee aber es war eine wundervolle Sache. Ohne die ganzen Gefahren, ohne das Wetter, die körperliche Verfassung ist alles immer noch unterschiedlich geprägt und man kann wohl keine Hitliste aufstellen. Ich habe das, wie Du weißt, selbst versucht ein wenig zu beschreiben: die Härteste Abfahrt, die Schönste, die Längste, die Steilste, aber man kann es dann doch nicht wirklich vergleichen, da alles so unterschiedlich ist und sich zudem von Tag zu Tag ändert. Gaston Rebuffat hat gesagt, dass man Berge nicht vergleichen kann. Und er hat recht. Selbst wenn man mehrmals im Jahr auf den Mont Blanc geht ist es nie das gleiche. Auf Ski ist das auch so. In dem Film „Peuterey la Blanche“ fahren Patrick und ich im oberen Teil ab, über hohen Gletscherabbrüchen. Das sieht unglaublich extrem aus, aber wir fuhren da in bestem Pulver und es war fantastisch. Weiter unten, unter den Gletscherabbrüchen, war der Schnee sehr hart, da war es dann wirklich schwer.

Aber es ist sehr schwer zu sagen welches die beste Abfahrt war, denn das wäre den anderen gegenüber nicht gerecht, nicht ehrlich. Die Bedingungen sind es die den Unterschied machen. Jeder Mensch ist unterschiedlich und sucht vielleicht auch andere Dinge die ihm dann gefallen. Außerdem wird ja niemand seine „tollste“ Abfahrt verraten, sonst ist sie bald überlaufen.

Diese Unterscheidung ist aber etwas sehr skispezifisches. Die Erstabfahrt mag ja schön gewesen sein, oder sehr schwer. Aber niemand weiß, ob nicht die zehnte noch viel schöner oder noch viel schwerer sein wird. Beim Klettern kann man das schon sagen, der Fels verändert sich nicht ständig, man gibt die Schwierigkeit an. 7a mit schlechter Sicherung beispielsweise, und dabei bleibt es erstmal. Schnee verändert sich aber andauernd.

B: Das Extremskifahren verlagert sich scheinbar immer mehr in die hohen Berge, den Himalaya etc., habt Ihr das auch miterlebt?

A: Ja, richtig, das dachten wir ja auch immer. Ich bin auch schon öfters mit Ski in den Himalaya gefahren, am Yalung Kang (Westgipfel des Kangchendzönga, 8505m) hatte ich sie dabei, 1980. Wir hatten keinen Sauerstoff dabei, keine Sherpas, eine sehr leichte Expedition. Bis auf 8.000 Meter hatte ich die Ski dabei, danach nicht mehr da der Wind zu stark wurde. Zum Gipfel bin ich aufgestiegen und beim Abstieg einen großen Teil mit Ski abgefahren, auch um den Höhenrekord zu bekommen. Vorher bin ich ein Südost Couloir am Dhalaugiri abgefahren, 1978, allerdings nicht von ganz so hoch oben. Aber Skifahren im Himalaya ist nicht so toll, man muss ständig alles durch die Gegend schleppen und der Schnee ist nie gut. Er ist zu hart, oben ist es zu hart, um genussvoll Ski zu fahren. Zwischen 5.000 und 7.000 Metern geht es ja noch, da hatte ich mal fantastischen Schnee, homogen und weich, aber noch weiter oben ist es eine Qual. Immer bretthart. Durch die guten Schneebedingungen zwischen 5 und 7.000 Metern konnte ich aber an einem einzigen Tag abfahren, das war natürlich super. Ich hatte damals eine Emery Bindung und das war nicht sehr komfortabel, etwas fummelig, aber es ging. Heute ist das einfacher. Am Everest war ich auch ein paar mal und beim Abstieg helfen die Ski enorm. Es ist sicherer weil man schneller ist und weniger Kraft braucht. Höher als 8.000 Meter war ich aber nie mit Ski da ich immer Klienten dabei hatten.

Am Everest habe ich ein paar Polen getroffen, damals in den 80ern die besten Bergsteiger der Welt. Ich kam im Basecamp mit Ski an, da haben die irgendwie komisch geschaut. Bei der Besteigung waren zwei von ihnen auf dem Gipfel während ich noch im Aufstieg war und als sie runter kamen hatte sich einer etwas die Füße erfroren. Die ganze Nacht habe ich ihm dann in meinem Zelt die Füße massiert und wir haben uns viel unterhalten. Wir sind dann auch sehr gute Freunde geworden. Er hatte mir davon erzählt, dass er drei Jahre zuvor Saudan an einem anderen Berg getroffen hätte. Saudan hat später behauptet er wäre alles abgefahren. Die polnische Expedition wunderte sich darüber, denn er war ihrer Aussage nach bei weitem nicht alles gefahren. Aus dem Grund waren sie skeptisch als ich mit meinen Ski im Basecamp ankam.

B: Skifahren im Himalaya ist extrem, aber wie sieht es generell aus? Ist der Ausdruck Extremski richtig, oder muss es eigentlich Steilwandskifahren lauten?

A: Nun, als ich angefangen habe diese Sachen zu unternehmen habe ich Artikel darüber geschrieben in denen ich es Skialpinismus nannte. Denn es ist Skifahren mit einem gehörigen Anteil Alpinismus. Alpinismus mit Ski. Dann kamen irgendwann die Skitourenrennen und irgendjemand hat angefangen das „Skialpinism“ zu nennen. (in Frankreich und Italien werden diese Rennen als „Skialpinism“ – zu Deutsch „Skialpinismus“  bezeichnet) Das stimmt natürlich nicht einmal im Ansatz – vorgezeichnete und ausgetretene Pfade hinauf zu rennen und abzufahren hat nichts mit einem alpinen Gedanken zu tun, aber es hat sieh hier und in Italien als Begriff leider festgesetzt. Wir mussten das akzeptieren, wir hatten da keine Wahl. Also haben Patrick und ich begonnen es Extremskifahren zu nennen. Und da es ja auch am eigenen Limit stattfindet, ist es auch extrem im eigentlichen Sinn.

Die Öffentlichkeit hat es zudem so übernommen. Bei der Ausbildung an der ENSA habe ich Kurse angeboten die wir dann allerdings „Steilwandskifahren“ nannten. Technik, Sicherheit der Klienten und so weiter – aber das Wort („ski de pentes raides“) selbst ist im Französischen nicht so medienattraktiv und anziehend. Und dann kamen da auch noch die Amerikaner und haben ihr „Extreme Skiing“ entwickelt. Wettbewerbe in kurzen steilen Hängen. Dort habe ich auch als Juror in Colorado mitgemacht, um 1989-90 etwa. Es ging damals darum von Felsen zu springen und spektakulär auszusehen. Sie nannten es dann eben auch Extreme Skiing. Heute ist das die Freeride World Tour. Einige sind dann auch nach Europa gekommen und haben sich hier umgesehen. Sie merkten sehr schnell, dass das Skifahren hier eine ganz andere Dimension hat, dass man beim „Extremskifahren“ in Europa tatsächlich ums Leben kommen kann. Nichts desto trotz sind manche Amerikaner auch sehr gute und starke Skialpinisten geworden. Man sieht das auch in dem Film „Steep“ und „The Edge of Never“. Diese Filme sind zwar sehr auf Amerika fokussiert und zeigen kaum was sich in Europa alles abgespielt hat, aber man fühlt auch den Pioniergeist der Amerikaner und wie sie sich dann doch in unbekanntes Terrain begeben haben. Beim Film „Steep“ hatte ich das Glück ein wenig mithelfen dürfen. Sie haben den Film innerhalb von nur drei Tagen hier in Chamonix gedreht und da konnte ich sie nur noch zu Di Benedetti schicken. Für mehr war keine Zeit.

B: Vom Film zum Buch. Du hast 2002 „Mont Blanc et les Aiguilles Rouges“ veröffentlicht in dem auch sehr steile Abfahrten aufgelistet sind. Damit hast Du sozusagen eine der ersten Anleitungen für das Steilwandskifahren geschrieben. War das beabsichtigt um den Sport wieder populärer zu machen?

A: Ja, das ist schon richtig. Sogar schon vorher hatte ich diesen Gedanken Die Idee bei meinem ersten Buch („Die 100 schönsten Abfahrten in den Nordalpen“ von 1985) war genau wie von Rebuffat der „Mont Blanc. Die 100 Idealtouren“ veröffentlicht hat: Es sollte die Menschen zum träumen bringen. Zeigen was möglich ist. Daher haben wir dann auch Abfahrten mit hinein genommen die sehr steil sind. Mit ehrlichen Beschreibungen und dem Hinweis welche Anforderungen eine solche Abfahrt verlangt. Wie beim Klettern oder Bergsteigen, da steht die Schwierigkeit ebenfalls in der Beschreibung. Natürlich gab es Kritik, dass nun alle möglichen Leute anfangen würden unvorbereitet die gefährlichsten Abfahrten durchzuführen. Aber das ist nicht passiert. In den Büchern wird ja sehr genau darauf hingewiesen wie schwer es ist und offensichtlich ist die Selbsteinschätzung gut genug. Es gibt nicht mehr Unfallopfer in den steilen Hängen als anderswo im Alpinismus. Außerdem ist es ja auch so, dass das Buch sonst jemand geschrieben hätte. Es gibt ja beispielsweise auch das Buch von Volodia Shashahani. Mir als Bergführer und Ausbilder an der ENSA war es ein Anliegen gute Informationen heraus zu geben, mit denen man auch wirklich etwas anfangen kann. Meiner Meinung nach bringt es nichts Schwieriges zu verheimlichen, richtig beschrieben bereichert es.

Für mein zweites Buch, „Mont Blanc et les Aiguilles Rouges“, habe ich mit Volodia Shashahani zusammen gearbeitet, um eine Skala zu finden mit der steile Abfahrten bewertbar sind. Und dabei ist entscheidend, dass man die Bedingungen angibt für welche die Skala gilt. Wir gehen von hartem, festem Schnee aus. Dieser Schnee ist wie ein Mittelwert, er bietet hohe Lawinensicherheit. Wir sind immer nur gefahren wenn wir uns absolut sicher waren, dass wir keine Lawine auslösen und die Skikanten greifen noch sehr gut in solchem Schnee. Aber man muss natürlich auch wissen, dass die Bedingungen alles völlig verändern. Pulverschnee oder Nassschnee verhält sich komplett anders, da kann man sogar stürzen und ein Stück hinunter kullern und es passiert nicht viel. Aber: es kann sich auch eine Lawine lösen. Auf Eis kann man dagegen überhaupt nicht fahren und wenn man abrutscht findet man sich ganz unten wieder – sofern man es überhaupt überlebt. Meine Skala geht noch etwas weiter als Volodias, ich gebe noch den Aufstieg im Detail an und zudem die Steilheit in Grad. Seine Skala ist aber sehr ähnlich.

Wir wollten bei unseren Abfahrten immer die Kontrolle behalten. Daher sind wir auf hartem Schnee gefahren. Heute sieht man mehr und mehr steile Abfahrten auch bei Pulverschnee. Das hätten wir nicht gemacht, das Risiko ist meiner Meinung nach zu hoch.

Wir sind damals das Couloir Couturier nicht gefahren weil uns der Schnee zu weich war. Wir haben gewartet und sagten uns, dass wir auf den nächsten Tag warten. Dann kam aber einer der sich mit dem Helikopter oben absetzen lies und fuhr ab. Er brauchte aber vier oder fünf Stunden, um hinunter zu fahren! Er war grün vor Angst! Er hat immer nur traversiert und der Schnee ist die ganze Zeit unter ihm in großen Schollen abgeglitten. Das war furchtbar für ihn, er fuhr immer hin und her, machte nur an den äußersten Flanken der Rinne eine Kurve, und traversierte dann wieder zur gegenüberliegenden Seite, mit zitternden Knie.

In Alaska ist es beispielsweise ganz anders. Da sind die Hänge kurz, da lässt man sich mit dem Heli hinauf fliegen. Das ist kein guter Stil, das ist nicht das Steilwandskifahren das wir immer wollten. Das ist wie Betrug. Weil es so kurze Hänge sind kann man mit nur fünf Kurven hinunter brausen, die Lawine im Rücken, und dann ist man unten – alles kein großes Problem. Eine alpinistische Herausforderung ist das nicht. Es gab hier deshalb auch schon einige Tote, beispielsweise am Pointe Helbronner. Dédé Rhem, der Snowboarder, er fuhr ab, hielt an, und wurde dann von nachfolgendem Schnee mitgerissen. Und das passiert jetzt leider immer öfter. Ein Italiener, ein Norweger, ein Deutscher und zuletzt jetzt auch ein Angestellter der Bergbahnen – er ist abgefahren und musste anhalten. Von oben kam Schnee nachgerutscht, eine kleine Lawine also, und er wurde mitgenommen. Das darf in diesem Gelände nicht passieren denn in Folge ist man (fast) immer tot. Bei hartem Schnee passiert das nicht. Bei Lockerschnee kann man das allerdings nicht kontrollieren. Bei lockerem Schnee ist es aber halt einfach abzufahren. Bei harten Bedingungen muss man ein viel besserer Skifahrer sein, um die Kontrolle zu behalten. Man muss die Technik beherrschen um nicht zu stürzen. Mit den breiten Ski heutzutage geht diese Technik aber verloren, diese Generation kann nicht mehr so kontrolliert abfahren. Denke ich zumindest. Ich bin früher auch Slalomrennen gefahren, das hat mir die Technik beigebracht. Patrick hat das nicht so viel gemacht, aber mir brachte es eine super Technik.

Unsere Einstellung war immer: Nicht stürzen! Wenn einem die Technik fehlt oder man physische und psychisch nicht in der Lage ist nicht zu stürzen, dann sollte man sich nicht auf so etwas einlassen. Ganz einfach. Und wenn man bei weichem Schnee fährt muss man sich darüber im klaren sein, dass es das Lawinenrisiko gibt. Ich persönlich würde da dann aber nicht fahren.

B: Und wo ist das Limit, was kann man noch befahren?

A: Das liegt wieder am Schnee. Hier in den Alpen bleibt er über 53/54/55° auf einem echten Hang nicht mehr wirklich liegen, darüber ist alles Eis. Im Cordier Couloir, laut dem Guide Vallot (entspricht etwa dem deutschsprachigen Buch von Erich Vanis – Im steilen Eis) mit 56° das steilste hier in der Gegend, es ist einen Tick steiler als das Couturier, ist das Maximale erreicht. In den Anden geht ein wenig mehr, da kommt man fast an die 60°. Aber was das Abfahren angeht haben wir das auch ausprobiert. Als Ausbilder an der ENSA habe ich mich viel mit der Skitechnik beschäftigt und wir haben in einer Art Schneekessel ausprobiert bis zu welcher Steilheit echtes Skifahren möglich ist, gefahrlos natürlich. Bis knapp 60° ging das noch. Das absolute Maximum liegt unter 60° Steilheit, man steht dann regelrecht in einer Mauer aus Schnee und kann keine Skischwünge mehr machen. Als realistische Grenze in echten Hängen sind es wohl 57°. Auch in den Anden. Aber es kommt immer in erster Linie auf die Verhältnisse an. Hat man perfekten weichen Schnee bei 45° kann man hinunter wedeln als wäre es nichts. Auf brettharten 30° tut man sich aber schon ziemlich schwer. Darin liegt der Unterschied.

Diese Unterschiede haben wir auch in die Schwierigkeitsbewertung mit einbezogen. An der Petite Aiguille Verte gibt es eine sehr steile Abfahrt, zwischen 50 und 55°. Aber sie ist nur 120 Meter lang. Das ist dann natürlich nur mit PD (peu difficile, wenig schwierig) bewertet, obwohl es so steil ist. Am Mount Vinson ist das Couloir 2000 Meter lang, immer zwischen 40 und 50 Grad und natürlich mit EX (extrem schwierig) bewertet, obwohl die Steilheit des Hangs nicht so anspruchsvoll ist.

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